Deutschlandlied

Im folgenden bringen wir einen Auszug aus einem Artikel der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (Seite 8 / Montag, 29. April 2002) von Rainer Blasius 


Das Lied für Deutschland

Bundespräsident Heuss ließ sogar den 1. März 1952 verstreichen, ohne die längst überfällige Entscheidung über die Nationalhymne zu treffen. An diesem Tag wurde Helgoland an die Bundesrepublik zurückgegeben. Seit dem Kriegsende hatte Großbritannien die Nordseeinsel als Übungsziel für die Royal Air Force genutzt. Auf Helgoland hatte gut hundert Jahre zuvor Hoffmann von Fallersleben das "Lied der Deutschen" zu Joseph Haydns Melodie aus dem Kaiserquartett (der späteren österreichischen Kaiserhymne) gedichtet - am 26. August 1841, in einer Zeit, als Maas, Memel, Etsch und Belt ungefähr das Gebiet umrissen, in dem Deutsch gesprochen wurde, und als sich in "Deutschland, Deutschland über alles"' die Sehnsucht nach einem geeinten, die Kleinstaaterei überwindenden Traumland äußerte. Zum ersten Mal bei einem Staatsakt erklang es am 9. August 1890 - bei der feierlichen Übergabe der bis dahin zu Großbritannien gehörenden Insel Helgoland an das 1871 gegründete Deutsche Reich (im Tausch gegen Sansibar).

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts war das von Kaiser Wilhelm Il. bei offiziellen Anlässen immer stärker bevorzugte "Lied der Deutschen" zum festen Bestandteil der Schulbücher geworden und zählte vor dem Ersten Weltkrieg zu den meistgesungenen Liedern im kaiserlichen Deutschland. Den Sprung zum Nationalsymbol und damit in den staatlichen Gefühlshaushalt schaffte es jedoch erst in der Weimarer und wieder in der Bonner Republik, und zwar jeweils "von ganz oben" verordnet.
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Obwohl Adenauer in der Pfalz begeistert mitgesungen hatte, blieb die junge Bundesrepublik unter seiner Kanzlerschaft zunächst hymnenlos, weil der Vorschlag, zur feierlichen Eröffnung des Bundestages am 7. September 1949 das Deutschlandlied instrumental wiederzugeben, am Einspruch der SPD-Fraktion scheiterte. Doch schon am 29. September 1949 beantragte eine kleine Parlamentariergruppe um den Parteilosen Frank Ott, die Bundesregierung möge dem Bundestag "den Entwurf eines Gesetzes über die Anerkennung des 'Deutschlandliedes' in seiner ursprünglichen unveränderten Form als Bundeshymne" vorlegen.
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Bundesverkehrsminister Seebohm, Adenauers Koalitionspartner von der stark national ausgerichteten Deutschen Partei (DP), in der anfänglich noch monarchische Tendenzen lebendig waren, schaltete sich auf einer Großkundgebung in Hoffmanns Geburtsstadt Fallersleben in den Hymnenstreit zwischen Adenauer und Heuss ein - mit einem kraftvoll geschmetterten "Deutschland, Deutschland über alles". Ihm folgte der Staatssekretär im Bundesministerium für Bundesratsangelegenheiten, von Merkatz (DP), am 21. August 1951 im Kabinett mit der Feststellung, daß seine Partei "an dem gesamten Text des Deutschlandliedes als Nationalhymne festzuhalten beabsichtige. Der Bundeskanzler weist demgegenüber darauf hin, daß die erste und zweite Strophe nicht gut in die gegenwärtige Zeit hin einpasse und die Deutsche Partei sich des wegen die Dinge noch einmal überlegen sollte."

Heuss ließ sich nicht einmal durch den Hinweis auf die bevorstehenden Olympischen Winterspiele in Oslo unter Druck setzen. Er bremste weiter und sah sich -laut Kabinettsprotokoll vom 22. Januar 1952 - außerstande, eine Entscheidung zu treffen, zumal das Norwegische Olympische Komitee ihn über diplomatische Kanäle gebeten habe, gegen das Deutschlandlied zu intervenieren. Erleichtert war er schließlich darüber, daß Siegerehrungen mit Schiller/Beethovens"Ode an die Freude" bestritten wurden. Die "Freude, schöner Götterfunken"-Regelung bei Olympischen Spielen galt bis Ende der sechziger Jahre. Erst 1968 in Grenoble und MexikoCity traten die beiden deutschen Staaten getrennt und damit mit der je eigenen Hymne an.

Am 22. Januar 1952 sprach sich der Bundesminister für Angelegenheiten des Bundesrates, Hellwege (DP), nachdrücklich "für sämtliche Strophen des Deutschlandliedes" aus, so daß Heuss am 24. Januar in einem langen Schreiben an den "Sehr geehrten Herrn Bundeskanzler" grundsätzlich Stellung nahm. Er erinnerte an ein Gespräch mit dem SPD-Vorsitzenden Schumacher, der "gegen Hofmann von Fallersleben wie gegen R. A. Schröder gleich negativ" eingestellt gewesen sei. Er, Heuss, habe erkannt, daß die vier Regierungsparteien CDU, CSU, DP und FDP das Deutschlandlied wünschten; daher könne er "nicht Propagandist in einer offenbar mir mißglückten Sache" werden. Politisch wichtig sei jetzt, "ob es gelingt, die SPD und den DGB zum mindesten zu einer neutralen Haltung in dieser Frage zu gewinnen". Geklärt werden müsse auch, "ob nur die dritte Strophe oder das ganze Lied neu belebt werden soll". Generell hoffe er daß die "Wiedererweckung" des Deutschlandliedes nicht zu einer Verschärfung der innenpolitischen Gegensätze führe. Nach Klärung aller "Vortragen" sei er zu einer feierlichen Verkündung nicht bereit: "Das ist kein enttäuschter oder gekränkter Eigensinn, wie wohlmeinende Leute glauben. Aber ich habe, soweit die Eigenentscheidung frei war, immer Wert darauf gelegt, nicht Dinge zu tun, die meiner Auffassung und meinem Wesen widersprechen."

Das Staatsoberhaupt entwarf schließlich selbst den Schriftwechsel mit Adenauer, über den der Bundeskanzler das Kabinett am 29. April 1952 vorab unterrichtete. [...]


Das Lied der Deutschen

 

August Heinrich Hoffmann von Fallersieben

Helgoland 26. August 1841

 

Deutschland, Deutschland über alles,

Über alles in der Welt,

Wenn es stets zum Schutz und Trutze

Brüderlich zusammenhält,

Von der Maas bis an die Memel,

Von der Etsch bis an den Belt -

Deutschland, Deutschland über alles,

Über alles in der Welt!

 

Deutsche Frauen, deutsche Treue,

Deutscher Wein und deutscher Sang

Sollen in der Welt behalten

Ihren alten schönen Klang,

Uns zu edler Tat begeistern

Unser ganzes Leben lang -

Deutsche Frauen, deutsche Treue,

Deutscher Wein und deutscher Sang!

 

Einigkeit und Recht und Freiheit

Für das deutsche Vaterland!

Danach laßt uns alle streben

Brüderlich mit Herz und Hand!

Einigkeit und Recht und Freiheit

Sind des Glückes Unterpfand -

Blüh im Glänze dieses Glückes,

Blühe, deutsches Vaterland!