Mein Leben ist ein dunkles Lied

 

In dem erwähnten Zuchthaus Waldheim begann- nach kurzer Zwischenhaft in Bautzen- auch für die junge Studentin Edeltraut Eckert im Herbst 1950 ein qualvoller und so tragisch endender Leidensweg.

25 Jahr Arbeitslager

Edeltraut Eckert wurde am 20.1.1930 im oberschlesischen Hindenburg geboren. Als jüngstes von fünf Geschwistern wirkte sie bereits in Beuthen als vierjähriges Mädchen an einer Aufführung von Shakespeares „Sommernachtstraum“ mit. Traudl, wie sie von ihren Freunden genannt wurde, mußte 1945 vor der heranrückenden Roten Armee mit ihrer Familie nach Brandenburg flüchten, wo sie die Oberschule besuchte und 1949 ihr Abitur ablegte. Das der Musik, Poesie und Literatur sehr zugewandte Mädchen wollte Lehrerin werden und begann im gleichen Jahr an der Berliner Humboldt-Universität ein Germanistik- und Pädagogikstudium. In ihrem Zulassungsantrag schrieb sie u.a.:

„Ich sehe die größte und schönste Aufgabe darin, als Lehrerin die Jugend an die großen Geistesgüter der Weltliteratur heranzuführen, um dadurch einen kleinen Teil zur friedlichen Verständigung und Freundschaft der Völker beizutragen“.

Während des Studiums erfuhr sie nicht nur von der Weiterführung der Konzentrationslager durch die Besatzungsmacht, sondern auch von den schrecklichen Erlebnissen einer entlassenen Insassin des Lagers Buchenwald. Mit einigen Freunden nahm sie daraufhin Kontakt zur Westberliner „Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit“ (KGU) auf und erbot sich, als Kurier Flugblätter der KGU von Westberlin nach Rathenau zur Verteilung zu bringen. Infolge einer Denunziation erfolgte im Mai 1950 die Verhaftung der Beteiligten durch die Volkspolizei und ihre Überstellung an die Sowjets. Nach schweren Verhören und Mißhandlungen verurteilte das Sowjetische Militärtribunal in Potsdam Edeltraut Eckert zu 25 Jahren Arbeitslager.

Vom Leben trennt dich Schloß und Riegel,

Und deiner Muße bleibt nur eins:

Du schaust zum blindgewordnen Spiegel

Des eigenen, vergangnen Seins.

Du denkst daheim an deine Lieben...

Da im Herbst 1950 die Überstellung der Gefangenen aus sowjetischer in sowjetzonale Verfügungsgewalt erfolgte, wurde sie am 1.Oktober 1950 in das sächsische Zuchthaus Waldheim eingeliefert. Obwohl die feinfühlige und schöngeistige Edeltraut Eckert schon vor ihrer Einkerkerung vereinzelte Gedichte geschrieben hatte, reifte erst unter der Ausweglosigkeit und dem Leidensdruck der Inhaftierung ihr lyrisches Talent heran. Dies ist umso erstaunlicher, als sie über keinerlei Literatur und Hilfsmittel, wie Papier und Bleistift verfügte und ihre Gedichte erst ab Juli 1953 zu Papier bringen durfte, wobei ihr nicht einmal ein Radiergummi gestattet wurde.

So hatte sie die Gelegenheit, ihre seit 1950 entstandenen Verse als Belohnung für gute Arbeitsleistungen in einem 136-seitigen Oktavheft niederzuschreiben. Dieses Heft nähte sie in weiß-blauen Stoff und bestickte es mit ihren Initialen EE. Auf der Seite 1 stand als Vermerk: „Die Strafgefangene Eckert, Edeltraut, V. Kommando, erhält die Genehmigung, dieses Buch zum Zwecke ihrer Dichtung und Komponierung bei sich zu führen“. Alle Eintragungen unterlagen strengster Zensur und durften keine Äußerungen über die Haftbedingungen enthalten. In diesem Heftchen hinterließ sie auch eigene Kompositionen und Vertonungen von Gedichten.

Am Weihnachtsabend 1951 durfte sie vor 50 andächtig lauschenden, mitgefangenen Mädchen ein eigens verfaßtes Gedicht vorlesen, das hier auszugsweise wiedergegeben sein soll:

 

Du denkst daheim an deine Lieben

Und fürchtest, daß man dich vergißt,

Und weißt doch, was sie dir geschrieben:

Daß du in ihrem Herzen bist.

 

Du möchtest nach der Mutter rufen,

Ganz wie ein Kind geborgen sein,

Und steigst doch schweren Schritts die Stufen

Des Schicksals- und du bist allein.

 

Verlegung nach Hoheneck

Der Berliner Germanist Jürgen Blunck, der ein im Quellenhinweis vermerktes Buch über Edeltraut Eckert veröffentlichte, zieht hinsichtlich ihrer lyrischen und literarischen Entwicklung bemerkenswerte Parallelen zu den frühen Werken von Ricarda Huch, Annette von Droste-Hülshoff und Ingeborg Bachmann.

Der Volksaufstand des 17.Juni 1953 blieb auch den inhaftierten Leidensgefährten nicht verborgen und nährte die Hoffnung auf eine Besserung ihrer bedrückenden Lebensumstände. Das Scheitern dieser Erwartungen fand Ausdruck in den Versen:

Noch gestern stand in allen Bäumen

Ein hoffnungsfroher Blütenbrand,

Heut fragst du zwischen Tag und Träumen,

Ist Frühling oder Herbst im Land?

Offenbar unter dem Eindruck des Juniaufstandes kam es im Herbst 1953 zu einer Entlassungswelle aus den Strafanstalten der DDR. Edeltraut Eckert war nicht darunter, erhielt aber eine Strafverkürzung auf acht Jahre. Mit ihrer Haftverlegung in das gefürchtete Frauenzuchthaus Hoheneck wurde ihr im Frühjahr 1954 der weitere Besitz ihres Gedichtheftes untersagt und dieses unter Verschluß genommen. So wurden die letzten ihrer Gedichte von Mitgefangenen auswendig gelernt und damit teilweise der Nachwelt erhalten.

Hoheneck, wegen seines großen Anteils an schwerkriminellen Frauen auch als „Mörderburg“ berüchtigt, bestand aus mittelalterlich kalten und feuchten Räumen. Politische Gefangene mußten mit Kriminellen dreistöckig übereinander in ungeheizten Massenquartieren unter entsetzlichen hygienischen Bedingungen und gezielter Unter- und Mangelernährung dahinvegetieren.

Der einsame Tod

Am 25.Januar 1955 arbeitete Edeltraut Eckert als Nähmaschinenmechanikerin wie üblich in der Schneiderei. Hier wurde an völlig veralteten Maschinen im achtstündigen Akkord dreischichtig gearbeitet, wobei eine große Antriebswelle alle Maschinen miteinander verband. Als einer älteren Näherin die Spule entfiel und Edeltraud sich hilfreich danach bückte, geriet sie mit ihren offenen Haaren in die Welle und wird, ehe das Aggregat abgestellt werden konnte, nahezu skalpiert. Obwohl die Anstaltsärztin der Verunglückten, die sich bei vollem Bewußtsein befand, einen Notverband anlegte, hätte die abgerissene Kopfhaut sofort in eine desinfizierende Kochsalzlösung gelegt werden müssen. Der Zufall wollte es jedoch, daß der Schlüssel zum Arzneischrank sich bei der außer Haus weilenden Wachtmeisterin befand und die Vorschriften dem Notfall übergeordnet wurden. Nach vergeblicher und wohl auch unzureichender medizinischer Versorgung veranlaßte man schließlich ihre Verlegung in das Haftkrankenhaus Leipzig-Meusdorf, wo sie in einem der monatlich zulässigen Briefe an ihre Eltern noch zuversichtlich schrieb: „Mein Zustand hat sich wesentlich gebessert. Ich habe noch viel mehr als je zuvor Sehnsucht nach Euch allen, nach Liebe, Wärme und Geborgenheit“.

Doch ihr unter großen Schmerzen tapfer ertragener Kampf gegen ein übermächtiges Schicksal war vergebens. Am 18.4.1955 starb Edeltraut Eckert einsam und ohne Trost an Herz- und Kreislaufversagen in der Chirurgie der Leipziger Universitätsklinik. Eine rechtzeitige und sachverständige medizinische Behandlung hätte zweifelsohne ihr junges Leben retten können.

In möglicher Vorahnung auf ein tragisches Ende ihres Lebens vertonte sie schon früher Theodor Storms „Lied des Harfenmädchens“:

„Heute, nur heute / bin ich so schön; / morgen, ach morgen / muß alles vergehn ! /

Nur diese Stunde / bist du noch mein; / sterben, ach sterben / muß ich allein“.

Fünf Tage nach ihrem Tod, am 23. April 1955, wurde den ahnungslosen Eltern ein Paket mit den Habseligkeiten und dem Gedichtbändchen ihrer Tochter vorbeigebracht. Bald darauf folgte ein Brief vom Haftkrankenhaus Leipzig-Meusdorf, in dem ein nüchternes Amtsdeutsch den Tod der Tochter und ihre am 20. April erfolgte Einäscherung verkündete. Bis heute kennen die leidgeprüften Eltern weder den Ort des Massengrabes, noch erhielten sie eine Sterbeurkunde oder einen Totenschein. Da war es ein schwacher Trost, daß Edeltraut Eckert auf Betreiben ihrer Schwester Dorothea 1993 von den russischen Behörden rehabilitiert worden ist.

Edeltraut Eckerts lyrische Hinterlassenschaft wie ihre Monatsbriefe und literarischen Gedanken blieben dank glücklicher Umstände und nicht zuletzt aufgrund der verdienstvollen Arbeit des Germanisten und Buchautors Jürgen Blunck, der ihr tragisches Schicksal aufzeichnete, der Nachwelt erhalten.

Gerd Kresse

Quellen

Jürgen Blunck „Vom Leben trennt dich Schloß und Riegel“, 2000 Langen-Müller

„Edeltraut Eckert- Jahr ohne Frühling“, 2005 Büchergilde Gutenberg