Die Auswanderungsbewegung..

 

Dieser ca. 20 Jahre dauernde Auswanderungskampf ist ein bedeutender Abschnitt der Geschichte unserer Volksgruppe, der nicht vergessen werden darf.

Der Kampf ist noch lange nicht zu Ende. Unserem Volk droht jetzt in Deutschland eine Gefahr, überfremdet,  verdrängt oder sogar vernichtet zu werden von der Überschwemmung der  fremdrassigen Einwanderer aus der ganzen Welt. Es ist eine heilige Pflicht, daß wir, heimgekehrte Volksdeutsche, uns unseren einheimischen Volksbrüdern im Kampf für den Erhalt unserer deutschen Heimat anschließen.

Die Helden der 70-er Auswanderungsbewegung sollen Mahnung für diejenigen sein, die aus Faulheit, Gleichgültigkeit oder Feigheit von dem öffentlichen Leben des Landes und Volkes sich zurückhalten und ein Vorbild und Ermutigung für diejenigen, die noch nicht entschlossen sind oder am Anfang stehen.

Die Berichte über die Auswanderungsbewegung der 70-er Jahre basieren auf die Privat-Archiven von Eduard Deibert, Viktor Schäfer, Waldemar Schwindt und Eduard Stephan, die in einem Band „Die Autonomie- und Ausreisebewegung der Russlanddeutschen 1956-1985“  zusammengefasst sind, wie auch auf mündlichen Erzählungen der Betroffenen.

Seit 1763 wanderten die Deutschen aus verschiedenen Königtümern, Herzogtümern, Fürstentümern, also aus den  Regionen, die wir heute Deutschland nennen, überwiegend aber aus Hessen, Württemberg, Bayern und Preußen in das Russische Imperium  aus. Die letzte Mutterkolonie, die neu von den deutschen Einwanderern gegründet worden war, entstand 1863 an dem linken Ufer der Wolga. „Am Trakt“ hieß die Siedlung, die die Mennoniten aus Preußen aufgebaut haben.

Eine kurze Zeit danach, im Jahre 1871, hat der Zar Alexander II., der zu dieser Zeit herrschte, ein Gesetz erlassen, nach dem den Einsiedlern „auf ewigen Zeiten“ versprochene Rechte aufgehoben wurde. Nach diesem Gesetz wurde den Kolonien die wirtschaftliche, rechtliche, finanzielle, bildungs- und sprachliche Selbständigkeit eingeschränkt oder ganz abgeschafft und Militärdienst eingeführt.

Folge der Rücknahme der den deutschen  Einwanderern  gegebenen Privilegien war die große Auswanderung der Mennoniten 1873 – 1876. Über 18 000 Mennoniten aus dem Schwarzmeergebiet, Wolynien und dem Wolgagebiet   verließen Russland und siedelten nach Kanada und USA um. Etwa 3000 Wolgadeutschen kamen nach Brasilien.

Der ersten Auswanderungswelle der Mennoniten folgte die große Auswanderung der Wolgadeutschen nach Brasilien und Argentinien. Von Jahr zu Jahr wanderten immer mehr Russlanddeutsche aus Russland aus.

Das russischer Adel und die Behörden des Zarenreiches haben die Auswanderung der Deutschen ehe begrüßt als zu verhindern versucht.

Das hat sich aber nach dem Sieg der bolschewistischen Revolution 1917 schlagartig geändert. Wenn es dem Zarenreich gleichgültig war, wer wohin und warum auswandert, so wurde die Auswanderung während der sowjetischen Herrschaft zum Verbrechen und Verrat erklärt.

Die Revolution von 1917 brachte das Chaos und Bürgerkrieg mit Mord, Plünderungen, Hunger und Seuche mit sich.  In diesen Zeiten war nicht an Auswanderung zu denken, es ging um nacktes Überleben. Aber sobald sich diese Kataklysmen gelegt haben, kam der Auswanderungswille mit neuer Stärke. 1924 strömten die durch Raub und Plünderungen verarmten Volksdeutschen aus der  Süd-Ukraine nach Moskau. Nur wenige Tausende hatten Glück, der Diktatur des Proletariats zu entkommen. Die Zurückgebliebenen mussten bitter arm in die alte Heimat zurückfahren und bei Verwandten eine Bleibe suchen.

Im Herbst 1929 wurde zum letztem mal die Tür zum Westen nach Bemühungen Deutschlands kurz aufgemacht, bevor der eiserne Vorhang endgültig im Oktober 1929 die UdSSR von der Außenwelt abgeriegelt hat.

Die Nachricht über die Ausreisemöglichkeit verbreitet sich wie ein Lauffeuer bis in das ferne Sibirien. Wieder strömten die Volksdeutschen nach Moskau, das ganze Hab und Gut liegen lassend, nur von einem Wunsch und der Hoffnung beseelt, das „Paradies der Arbeiter und Bauern“ so schnell wie möglich zu verlassen. Diesmal waren es am meisten Mennoniten aus Sibirien und dem Süd-Ural. Über 50 000 Deutsche hielten sich in der Moskauer Umgebung auf und bemühten sich um die Ausreisepapiere. Deutschland hat sich bereit erklärt, den mit der Eisenbahn aus der Sowjetunion ausreisenden Volksdeutschen den Umstieg in deutschen Häfen zu genehmigen. Deutschland befand sich zu dieser Zeit wegen Ausbeutung durch das Versailler Diktat und dem Finanz- und Wirtschaftszusammenbruch in einer tiefen Krise und konnte die volksdeutschen Flüchtlinge nicht aufnehmen.

Um die 5000 Deutschen konnten sich diesmal aus der Hölle „des Paradieses“ retten. Nachdem der letzte Zug abgefahren war, fing die Jagd in Moskau auf die zurückgebliebenen Ausreisewilligen an. Sie wurden verhaftet und so lange gefoltert, bis sie eine Erklärung unterschrieben, für immer auf eine Ausreise zu verzichten. Nach der Abfertigung dieser Formalitäten wurden sie mit Familien in die Güterwaggons verfrachtet  und von bewaffneten Soldaten  dem Winter entgegen nach Sibirien „begleitet“. Für die meisten Männer und heranwachsenden Jungen war das ein Todesurteil, das 8 Jahre später vollzogen wurde: 1937-1938 fegte die „stalinistische Säuberung“ die deutschen Dörfer männerleer, von denen zu 95% nie mehr zurück kamen.

Den meisten Deutschen war jetzt klar, in welcher Lage sie sich befanden und was das Schicksal ihnen bereitete: Entrechtung, Enteignung und Versklavung. Es bestand keine Hoffnung mehr, das Mutterland, die Heimat der Väter zu erblicken oder überhaupt irgendwann aus diesem riesigen Land rauszukommen.

Nicht alle haben sich mit diesem Schicksal abgefunden. Viele flüchteten nach Fern-Osten, versammelten sich in den zuletzt entstandenen deutsch-mennonitischen Kolonie am Amur-Fluss und bereiteten die Flucht vor: zu Fuß durch die Taiga, über den Fluss Amur, die Mandschurei bis Harbin in China. Diese Flucht fand im Winter 1929-30 mit Frauen und Kindern statt; das Äußerste wurde im Kauf genommen. Einige Hunderte haben diese gefährliche Flucht geschafft. Erst in zwei Jahren war die Reise zu Ende. In Süd-Amerika, in Paraguay, in den deutsch-mennonitischen Kolonien Menno und Fernheim im Chaco war ihr neues Zuhause. Bis heute ist in diesen Kolonien die Bezeichnung „Harbiner-Deutsche“ im Gebrauch.

Mit dieser Flucht der Harbiner-Deutschen war für lange Zeit mit der „Auswanderung“  ein Ende. Aber in der Sowjetunion blieben immer noch ca. 1.600.000 Deutsche zurück. Für diese Deutschen fing eine grausame Zeit an: NKWD-Säuberung 1937-38, Deportation aller Wolgadeutschen (ca. 400.000) und eines Teils der Schwarzmeerdeutschen (ca.150.000), Arbeitslager und Hunger. Über ein Drittel der deutschen Bevölkerung ist diesem Genozid zum Opfer gefallen.

Durch den schnellen Einmarsch der deutschen Wehrmacht in die Ukraine haben die Sowjets es nicht geschafft, alle Deutschen zu deportieren. So konnten im Herbst 1943 mit der zurückziehenden Wehrmacht etwa 325.000 Deutsche aus der UdSSR evakuiert werden, die alle im Reich eingebürgert wurden.  Etwa 230.000 Volksdeutsche wurden nach Kriegsende 1945 in die Sowjets-Okkupationszone

in provisorischen Lagern interniert und dann zurück transportiert. Etwa 106.000 sollen auf der Flucht oder bei der Deportation umgekommen sein.

Das Ende des Krieges brachte den Deutschen in der UdSSR keinerlei Erleichterung. Der Hass gegen die Deutschen, den die Staatspropaganda im Krieg geschürt hat, hat nicht abgenommen und war jetzt auf die Volksdeutschen gerichtet, die sich 10 Jahre nach dem Krieg immer noch im Arbeitslager befanden oder in den Dörfern unter der „Beschränkung der Rechtsstellung“, sprich Kommandantur-Überwachung, leben mussten.

Zehn Jahren mussten noch vergehen, bis das erste Zeichen der Entspannung des Verhaltens der Regierung zu den Deutschen zu spüren war. Es war das Jahr 1955, das den Russlanddeutschen eine kleine Hoffnung brachte. Die Arbeitslager wurden aufgelöst und die erniedrigende Kommandantur-Überwachung abgeschafft. Das Verbot, in die Heimatorte zurückzukehren, blieb aber in Kraft. Es begann eine gegenseitige Suche der Familienangehörigen. Unzählige Familien wurden durch die Deportationen, Verhaftungen und Auswanderungen auseinandergerissen. Tausende Familien haben sich gefunden, aber Tausende haben ihre Familienangehörige nie gefunden.

Im Jahre 1955 besuchte der Kanzler der BRD, Adenauer, Moskau. Diplomatische Beziehungen zwischen Bonn und Moskau wurden aufgenommen und eine deutsch-sowjetische Kommission begann mit ihrer Arbeit, worüber die Zeitung „Iswestija“ mit einem kleinen Artikel berichtete:

 „Die sowjetische und die deutsche Delegation sind zu einer Übereinstimmung gekommen, daß viele Familien in der Kriegszeit zerrissen wurden, deren Familienmitglieder getrennt und in verschiedenen Länder in Europa und UdSSR zerstreut sind, denen jetzt erlaubt wird, sich freiwillig mit ihren Familien wieder zu vereinigen… Die Sowjetregierung wird keine Hindernisse für so eine Vereinigung der Familien in den Weg legen. Alle Anträge für die Familienzusammenführung kann man in der Botschaft der BRD in Moskau beantragen.“

Als sich diese Nachricht, daß eine Ausreise nach Deutschland möglich ist, in der UdSSR verbreitete, hatte es bei den Russlanddeutschen so einen großen Aufbruchsturm zu der deutschen Botschaft gegeben, daß die Machthaber im Kreml recht erschreckten.

Aus allen Ecken der Sowjetunion kamen die durch den Wirbel des Krieges zerstreuten ehemaligen Schwarzmeer- und Ukrainedeutschen, die 1943-1945 in Deutschland waren und dann zurück in die UdSSR verschleppt worden waren, nach Moskau zu der Botschaft der BRD.

Aus deutscher „Gutgläubigkeit“ waren sie alle der Überzeugung, dass sie nach diesem Staatenbeschluss aus der Sowjetunion rauskommen. Zu der Zeit wußten sie noch nicht, dass in der Sowjetunion bis zu ihrem Untergang (wie auch heute in der BRD) zwischen den Gesetzen und der Wirklichkeit Welten lagen. Die Sowjets haben nicht Hunderttausende Volksdeutsche aus dem Reich deportiert, um sie jetzt einfach laufen zu lassen.

Den ganzen Sommer 1956 durch strömten die Deutschen aus allen Ecken der UdSSR nach Moskau. Bei den sowjetischen Behörden, KGB-Agenten und Miliz in Moskau war Hochbetrieb. Die KGB-Agenten fischten die Ausreisewillige raus, die Milizbeamten kontrollierten die Pässe und notierten die Daten. Diese Menschen wurden in die „schwarze Liste“ des KGB eingetragen. Die Ausreisehinderung, Schikanen und Verfolgung nahmen ihren Lauf an. Besonders schlimm war es 1956-1970 in Karaganda, wo sehr viele Deutsche wohnten und ihre Vertreter aktiv nach Moskau mit Anträgen schickten.

Im Jahre 1959 kamen die erste 66 Heimkehrer in Friedland an. „Etwa 90.000 Anträge liegen bei der deutschen Botschaft in Moskau vor“, berichtete „Die Welt“ am 20.10.1960. Im Jahre 1960 kamen  nur 109 Deutsche aus der UdSSR nach Deutschland. Erst nach 1964 durften einige Russlanddeutsche im Rahmen der „Familienzusammenführung“ ausreisen. So durften 1965 nur noch 208 Deutsche die Sowjetunion verlassen.

Am 29.08.1964 wurde eine Verordnung der Sowjetregierung über die Rehabilitierung der „Sowjetdeutschen“ in der UdSSR erlassen. Sofort kam es bei den Wolgadeutschen zu einer Hoffnung der Wiederherstellung der Autonomie.

Bald tauchte eine „innere Spaltung“ bei den Russlanddeutschen auf: auf einer Seite die Schwarzmeer- und Ukrainedeutschen, die 1943-44 in Deutschland eingebürgert waren und der Auswanderung nachstrebten, auf der anderen Seite die nach Sibirien und Mittelasien deportierten Wolgadeutschen, die die Herstellung der Wolgarepublik verlangten.

Die Wolgadeutschen versuchten in den Jahren 1964-1972 die Wolgarepublik und die Rechte aller Russlanddeutschen zu erkämpfen, um das Deutschtum in der UdSSR zu bewahren. Die zwei ersten Delegationen (beide im Jahre 1965, geleitet von K. Bornemann und Georg Michel) wurden noch vom Regierungsvertreter A. Mikojan empfangen, die dritte aber, im Jahre 1967, wurde nicht einmal von einem hochrangigen Politiker empfangen. Nach der 4.Delegation, die durch Bemühungen des KGB scheiterte, sind die „Autonomisten“ zum Entschluss gekommen, dass nur die Auswanderung aus der UdSSR die Lösung ist. So schlossen sich Andreas Maser mit seinen Mitkämpfern Waldemar Schwindt, M. Busch, Maria Steinbach, L. Eichhorn und anderen an die „Auswanderungsbewegung“ an.

Am 17. Dezember 1972 wurde bei Frunse in Kirgisien das 1.Deutsche National-Komitee gegründet. Leiter des Komitees waren Andreas Maser, Peter Bergmann, Georg Sali, Maria Steinbach, Johann Unger.

Besonders aktiv war das Komitee an der Unterschriftsammlung für die Delegation vom 18. Mai 1973 in Moskau, die unter die Initiative  von V. Trenkenschuh organisiert wurde.

Am 17.05.1973 sollte diese Delegation der Deutschen nach Moskau fahren und da dem Obersten Sowjet der UdSSR das Gesuch, dem eine Liste von 7000 Unterschriften ausreisewilliger deutscher Familien (ca. 35.000 Person) beigefügt war, wie auch eine Kopie des Appells, der an die UNO gerichtet war. Die Übergabe dieser Dokumente von der Delegation, die aus Volksdeutschen aus Estland, Kirgisien, Kasachstan und Tadschikistan bestand, sollte am 18. Mai während des Breschnew-Besuchs in Bonn geschehen. Die ganze Delegation, die sich nach der Ankunft in Moskau in einer Wohnung versammelte, wurde verhaftet und einige Tagen später unter Begleitung von KGB-Funktionären nach Hause abtransportiert. In der Gruppe waren unter anderen Viktor Trenkenschuh, Andreas Maser, Theresa Fransen, Minna Busch, Georg Sali und Heinrich Voth, insgesamt 12 Personen.

Friedrich Schnarr in Begleitung von Emil Schöple, die zufällig einen Tag später aus Dschambul ankamen und die Liste mit Unterschriften und anderen Unterlagen mit hatten, war es gelungen, unter abenteuerlichen Umständen am 20. Mai diese Listen im Empfangsraum des Präsidiums des Obersten Sowjets abzugeben.

Die beiden Männer kamen mit dem Zug aus Dschambul am Samstag 18.05.1973 in Moskau an. Die Delegation sollte schon am 17. Mai angereist sein. Sie wurde schon von dem Geheimdienst erwartet. In einer Wohnung in der Profsojusnaja-Straße war das Treffen verabredet. Vor dem Haus bemerkte Friedrich ein verdächtiges Auto und beschloss, nicht ins Haus reinzugehen, sondern zur Telefonzelle und von da aus anzurufen. Den Hörer nahm Frau Fransen ab: „Wir sind in der Falle. Wir treffen uns am Montag (20.05.73) vor dem Obersten Sowjet“ und legte den Hörer ab.

Sie hatten vor, im Gasthaus zu übernachten, aber sobald sie im Hotel ihre Pässe zeigten, gab es kein freies Zimmer. Wegen ihrer deutschen Namen waren sie gezwungen, im Bahnhof zu übernachten.

Am Montag, den 20. Mai ist keiner von der Delegation zum Treffpunkt gekommen, alle wurden von der Polizei von der Wohnung aus abgeholt und verhaftet. Fridrich Schnarr und  sein Begleiter haben im Empfangsraum des Präsidiums des Obersten Sowjets die Unterschriftslisten und das Gesuch abgegeben.

Nach der Rückkehr aus Moskau fuhr Schnarr mit dem Bus nach Frunse zu Frau Fransen um rauszukriegen, was mit der Delegation geschah. Fransen erzählte die Geschichte mit der Verhaftung und dass gegen allen Beteiligten ein Prozess aufgerollt wird. Sie hat ihm vorgeschlagen, zukünftig, wie es seit einer Zeit erfolgreich die Gesandten aus dem Baltikum machten, die Unterschriftslisten in das Konsulat nach Petersburg zu bringen. So fuhr Friedrich nach ein paar Monaten mit neu gesammelten Listen nach Petersburg, diesmal allein. Der Botschafter nahm die Unterschriftlisten entgegen und versicherte, der BRD-Regierung und die Kopie an die UNO zu übergeben. Zum Schluss begleitete er seinen Gast bis zum Ausgang. Seit dieser Zeit kamen alle Listen mit den gesammelten Unterschriften aus Omsk, Ural, Kasachstan und Tadschikistan nicht mehr nach Frunse, wie bisher, sondern nach Dschambul – Michailowka zu Friedrich Schnarr. Vier Mal war seine „Reise“ erfolgreich, Zum fünften Mal, am 29.Januar 1974, wurde Friedrich Schnarr in Dschambul, auf dem Weg nach Moskau, auf dem Flughafen verhaftet und zu zwei Jahren Haft verurteilt.

Die Ausreisebewegung in Dschambul (Tadschikistan) wurde nach seiner Inhaftierung passiver. Nur einzelne Aktivisten bemühten sich um die Unterschriftensammlung.

Die Ausreisebemühungen waren mit großen Gefahren verbunden. Die Ausreisewilligen  Deutschen mussten das Schlimmste in Kauf nehmen und mit allem rechnen: mit Rausschmiss von der Arbeit  oder Hochschulen, mit Schikanen, Verhaftungen, Folterungen – sogar mit Ermordung.

Als Beispiel dessen, was die Deutschen in der UdSSR, die für die Auswanderung nach Deutschland kämpften, über sich ergehen lassen mussten, erfährt man aus den Schilderungen einiger Berichte und Erinnerungen der Beteiligten:

Karaganda (Nord-Kasachstan) -  September 1973. Mitglieder des Komitees  (Deutsches Nationalkomitee – für die Auswanderung der Deutschen  aus  der UdSSR) beauftragen Karl Kirchmeier den Antrag auf ein Treffen der Vertreter der Stadtregierung mit den Volksdeutschen zu stellen. Am 28. September, zwei Tage vor dem geplanten Treffen, waren  alle Organisatoren dieser Begegnung verhaftet. In den Betrieben, wo die Deutschen arbeiteten, wurde bekannt gegeben, daß jeder, der zu dem Treffen geht, von der Arbeit fristlos entlassen wird. Trotzdem fand am 30. September, anstelle des nicht stattgefundenen Treffens, eine Demonstration gegen die Verhaftungen statt. Über 400 Volksdeutsche haben an dieser Protestaktion teilgenommen. Eine militärische Einheit wurde vor der Stadt postiert, um den Aufstand notfalls unterdrücken zu können, obwohl die Demonstration ganz friedlich verlief.

Issik (Kasachstan) - 18. August 1973. Vor dem Gebäude des Stadtrates fand eine Demonstration gegen Auswanderungsverbot statt, an der sich über 100 Deutsche beteiligten.  Am 25. September waren die Veranstalter Johann Fertig, Viktor Werner, Viktor Klink, Valentin Klink und David Paustjan verhaftet und zu zwei bis drei Jahren Gefängnis verurteilt worden.

Moskau - 11. Februar 1974. Vor dem Gebäude des Zentralkomitees der kommunist. Partei fand eine Protestaktion statt, die von Komiteemitgliedern aus Estland organisiert wurde. Über 30 Deutsche nahmen teil. Ludmila Oldenburger hatte sich und ihre kleinen Söhne Robert und Eduard an dem Ampelmast angekettet. Die Aktion dauerte nur einige Minuten und die immer wachende KGB und Miliz hat diese mit Gewalt aufgelöst.  Die Veranstalter – Peter Bergmann, Waldemar Schulz, Gerhard Fast und Ludmila Oldenburger – wurden verhaftet und nach einigen Tagen zur zwei bis vier Jahren Gefängnis verurteilt.

Diese Aktion hat eine unerwartete Reaktion in Tallin (Hauptstadt von Estland) hervorgerufen: Am 17. Februar versammelten sich vor dem Hotel „Inturist“ über 300 deutsche Jugendliche. Organisiert  hat diese bis dahin nie dagewesene Menge an Demonstrationsteilnehmer ein junges Mädchen, Wanda Wansidler. Ihr war es gelungen, nicht nur die deutsche Jugend zu organisieren, sondern auch bei den Esten Unterstützung zu finden. Wanda stand schon lange unter der Beobachtung, nur durch die Ähnlichkeit mit ihrer Schwester ist es ihr gelungen, die Behörden zu überlisten.

Issik (Kasachstan) - 26. Oktober 1975 nachts. 5 Milizionären kamen zur Familie von Johann Teirer, der sich um die Ausreise nach Deutschland bemühte, um eine Hausdurchsuchung durzuführen. Die Ehefrau verriegelte die Tür, aber die Milizionäre brachen diese durch, fesselten Johanns Hände mit Eisendrat und schleppten ihn zum Auto, wobei sie auf ihn immer wieder mit den Füßen einschlugen. Barfuß, in zerrissenen Kleidern wurde er zum Verhör ins Milizrevier gefahren, während die zurückgeblieben betrunkenen Milizen das Haus auf dem Kopf stellten. Solches Vorgehen war weit verbreitet und die Ausreisewilligen waren oft solchen Quälereien ausgesetzt.

Benderi, Moldawien - 29. August 1980. Brutale Ermordung von Wilhelm Schröder. Seit 1970 kämpfte seine Familie für die Auswanderung nach Deutschland. Am helligten Tag wurde er nach der Arbeit am Betriebsausgang von bewaffneten Männern mit Gewalt ins Auto gezerrt und weggefahren. Später mußte die Kriminalamt zugeben, daß am Mord von Wilhelm Schröder die Miliz beteiligt war.

Kotowo (Wolgagebiet) - 17 August 1981. Auf dem Roten Platz in Moskau demonstrierte wieder eine Gruppe Volksdeutscher, darunter Alexander Hetmann, seine Schwester Nina mit ihrer 3-jährigen Tochter, Viktor Votteler, Familie Dewiwje aus Georgien. Über 150-mal hatte die Familie Dewiwje den Antrag für die Ausreise nach Deutschland  gestellt. Nach dem alle Anträge abgelehnt wurden, entschloß sich diese Familie zu demonstrieren. „SOS rufen die Deutschen in der UdSSR“,  „ Laßt uns in die Heimat» stand auf den Plakaten, die sie auf dem Roten Platz ausrollten. 11 Demonstranten wurden verhaftet.

Für die Bestrebung in die deutsche Heimat auszuwandern wurden insgesamt in der ersten Hälfte der 70ger Jahre 76 deutsche Männer und 6 Frauen ins Gefängnis gesteckt. Aber der KGB und der Sowjetregierung ist es nicht gelungen, die Auswanderungsbewegung ohne Ausschluss der internationalen Öffentlichkeit einzudämmen. Immer wieder für den KGB auf unsichtbaren Wegen kommen die Listen mit den Unterschriften der Ausreisewilligen durch den „eisernen Vorhang“ nach BRD, UNO, zum Europäischen Sicherheitsrat in Helsinki.

Aus Protest gegen den Verbot der Ausreise nach Deutschland haben im März 1975 allein in Kasachstan 111 Familien (583 Personen) 293 Pässe den Behörden zurückgegeben und somit die sowjetische Bürgerschaft abgelehnt und dadurch staatenlos geworden.

Die schwache Ausreisebewegung in den 50-er  und 60-er Jahren war mit großer Angst, die den Deutschen nach dem erlebten Genozid noch in den Knochen steckte, verbunden und hat auf die Ausreisezahl keine Wirkung gehabt. Erst ab 1972 ist die Zahl der ausreisenden Russlanddeutschen stark gestiegen und wuchs bis zum Ende der 70-er Jahre. Die steigende  Zahl der Ausreisenden hing nicht nur von der gut organisierten Bewegung, dem mutigen Einsatz der Aktivisten und dem großen Druck der Ausreisewilligen ab, sondern war auch von der politischen Lage abhängig, wie z.B. vom Besuch der BRD durch Breschnew. Die Sowjetregierung unterdrückte mit allen Mitteln die Ausreisebewegung. Die aktiven Kämpfer wurden inhaftiert  oder ausgewiesen, die Ausreisewilligen diskreditiert und eingeschüchtert.

Anfang 1977 sorgte ein englischer Film, der über die Schwierigkeiten der Russlanddeutschen bei dem Kampf um die Ausreise aus der UdSSR nach Deutschland gedreht wurde, für Aufsehen. Der Film wurde von mehreren westlichen Staaten erworben. Nur die BRD und Österreich haben sich für den Film nicht interessiert. Im Juni 1977 machte wieder ein englisches Massenmedium, die Londoner „Times“, Schlagzeilen mit einem Bericht über das Schicksal von zwei Millionen Deutschen in Russland, die sich von Bonn im Stich gelassen sehen. Die Zeitung schreibt: „In Bonn wird das ganze Thema gewöhnlich mit Samthandschuhen angefasst und jegliche Publikation darüber wird verhindert… Vielleicht lesen Bundeskanzler Schmidt und Präsident Scheel die Appelle (die zahlreichen Hilferufe der Russlanddeutschen) überhaupt nicht?“

Das Schicksal der deutschen Bevölkerung  hat „den freiesten und demokratischsten Staat, den es je auf dem deutschen Boden gab“ nie interessiert. In seinem Verhalten zu dieser Frage hat sich bei der BRD-Regierung in allen diesen Jahren  nichts geändert. Heuchlerisch klingt die Ansprache des damaligen Bundeskanzlers H. Kohl auf dem 26. Bundestreffen der Deutschen aus Russland: „ Wir sind froh und dankbar dafür, daß sie zu uns kommen können! Sie alle sind ein Gewinn für unser deutsches Vaterland. Sie helfen mit, Deutschland auf die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts vorzubereiten…“  Gerade die BRD-Regierung unter Kohl hat ab 1994 mit neuen Gesetzen und Vorschriften dafür gesorgt, die Einreise volksdeutscher Aussiedler aus den UdSSR-Ländern zu stoppen, bei gleichzeitiger Verdoppelung und Verdreifachung der Einwanderung aus nicht europäischen Ländern, überwiegend aus der Türkei, Afrika und arabischen Ländern. Die BRD-Politiker begründen die Verhinderung der Einreise der Volksdeutschen mit einer Aussage „Das Boot ist voll“. Wenn das Boot voll ist und trotzdem jährlich Hunderttausende  aus der ganzen Welt ins Land geholt werden, wollen  „Merkel und K°“ das Boot absichtlich versenken?

Das wirft die Frage auf: „Was ist zu machen, damit auch das deutsche Volk Recht auf eine deutsche Heimat hat?“  Es kann nur noch eine Antwort geben: „Mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln danach zu streben, unser Schicksal und das Schicksal unserer Heimat in die eigenen Hände zu nehmen“.

Johann Thießen, Hürtgenwald