AUS DER GESCHICHTE DIE RUSSLANDDEUTSCHEN

 

So ein Dorftreffen fand am 21. Mai 2011 bei Espelkamp statt. Der Anlaß war das 100-jährige Jubiläum der Gründung einer deutschen Kolonie in der  Kulundischen Steppe in West-Sibirien mit einem ungewöhnlichen Namen „Tschajatschij“. Johann Thießen, der selbst aus dieser Siedlung stammt und sich einige Jahre mit deren Geschichte beschäftigte, hielt einen Vortrag über die Geschichte seines Dorfes. Einen Auszug aus dem Vortrag bieten wir unseren Lesern an.

Teil 1: Von der Ansiedlung bis zum Jahr 1938

Vorgeschichte

Im Jahre 1525 in Zürich haben die mennonitischen Brüder eine neue Glaubensgemeinschaft gegründet. Sie gaben die Kindertaufe auf und führten die Erwachsenentaufe ein, die sich auf ein persönliches Glaubenszeugnis gründete, was als Wiedertaufe bekannt wurde. Sie bemühten sich um die Gründung einer Kirche, die vom Staat unabhängig war und um einen Glauben, der ihre tiefen religiösen Überzeugungen wiedergab. Sie lehnten unter anderem auch den Militärdienst und den Eid ab. Diese Glaubensbewegung breitete sich von der Schweiz nach Deutschland, Österreich und bis nach Holland aus.

In Holland übernahm Menno Simons (1496-1561), ein ehemaliger katholischer Priester, die Führung dieser Bewegung ‒ und die dazugehörigen Gläubigen nannten sich von da an „Mennoniten“.

Diese Glaubensbewegung wurde jedoch von der katholischen Kirche verboten und verfolgt. Um den blutigen Repressionen zu entkommen, flohen die Mennoniten Mitte des 16. Jahrhunderts aus Holland nach Preußen, wo sie sich als Kolonie an der Mündung des Flusses Weichsel niederließen.

Dieses Gebiet in West-Preußen umfasste etwa 100 qkm und liegt zwischen Danzig – Elbing – Marienburg. Damals war es eigentlich ein Sumpfgebiet, aber unsere Vorfahren haben es mit Spaten und Schubkarre in den folgenden 100 Jahren trockengelegt.

Anfang des 18. Jahrhunderts haben sich die Grenzen des russischen Imperiums bis südlich von Kiew ausdehnt. Es wurden große kaum besiedelte Ländereien erobert und die russische Regierung war daran interessiert, Ansiedler für diese menschenleeren Gebiete anzuwerben. Die Mennoniten haben von der Einladung der russischen Zarin gehört und waren ‒ aus vielen Gründen ‒ sehr daran interessiert.

Auswanderung

So kam es, daß am 1. November 1786 die Delegierten der Mennoniten (Jakob Höpner und Johann Bartsch) Danzig verließen und sich auf den weiten Weg machten, um die zur Besiedlung angebotenen Gebiete zu besichtigen. Diese befanden sich am Schwarzen Meer bei Berislavl, östlich von Dnepr, in der Nähe von Cherson. Da diese den Delegierten gefielen, machten sich zu Ostern, am 22. März 1788, die ersten 50 Umsiedler auf den Weg.

Im Juli 1789 erreichten sie den Fluß Chortiza bei Dnepr, wo die erste Kolonie der deutschen Mennoniten gegründet wurde, die anfangs aus 7 Dörfern bestand. (Die 1.Mutter-Kolonie war Chortiza, auch Alt-Kolonie genannt.)

Im Jahre 1804 begann die zweite Umsiedlungswelle und es entstand die zweite Kolonie in Taurien, die aus 57 Dörfern bestand. Sie wurde Moloschna (= „Milchfluß“) genannt ‒  nach dem gleichnamigen Fluß, der durch das Koloniegebiet floß.

Der Anfang war schwer, nicht zuletzt durch die Not und Krankheiten, die vielen Menschen das Leben gekostet haben. Aber 50 Jahre später wurde aus der menschenleeren Steppe eine blühende Landschaft mit Obstbäumen, Getreidefeldern und soliden Häusern. Aus der Kolonie Moloschna zogen Kolonnen von Fuhren mit Getreide, womit italienische, griechische und englische Schiffe im Hafen von Berdjansk beladen wurden. Die Viehzucht blühte und die modernsten landwirtschaftlichen Maschinen, mit denen das Land bearbeitet wurde, kamen aus den Fabriken, die von den mennonitischen Meistern in Chortiza erbaut wurden. Und so machte im Jahre 1900 die mennonitische landwirtschaftliche Maschinenbauindustrie 6% der Gesamtproduktion des ganzen russischen Imperiums aus.

Was hat nun die deutschen Mennoniten dazu bewogen, die gut erschlossenen Gebiete in der Ukraine zu verlassen – Gebiete mit mildem Klima, fruchtbarem Boden, geregeltem Alltag und hohem Wohlstandsniveau, das mit langjähriger schwerer Arbeit, viel Mühe und Kraft erreicht wurde?

Was hat die deutschen Mennoniten dazu bewogen, die blühenden Gebiete der Ukraine gegen die Kulundische Steppe zu tauschen – Steppe mit kurzem heißem und trockenem Sommer, mit hartem Winter, wo die starken schneereichen Stürme die Häuser bis zum Schornstein zuwehten und der Frost mehr als ‒50°C erreichen konnte? Warum dieser Neuanfang in dem fremden unbesiedelten Gebiet?

Auch dafür gab es mehrere Gründe, denn in diesen gut erschlossenen ukrainischen Kolonien gab es eigene wirtschaftliche und soziale Probleme. Das größte davon war die Überbevölkerung. Denn ca. 80 Jahre nach der Umsiedlung gab es nicht mehr genug Land. In den damals meist kinderreichen Familien konnte nur ein Sohn die väterliche Wirtschaft erben. Die anderen Kinder mußten ihr tägliches Brot als Handwerker oder als Knechte bei den Großbauern verdienen. Daher waren im Jahr 1870 ca. 2/3 der Familienväter in den Mutterkolonien (Chortiza und Moloschna) landlos und hatten gerade mal die Möglichkeit, ein Häuschen zu bauen und einen kleinen Garten zu besitzen – für eine große Familie reichte es jedoch nicht aus.

Ein anderer Grund war das koloniale Reformationsgesetz von 1871: Es wurde die Selbstständigkeit stark eingeschränkt und die Wehrpflicht eingeführt. Das hat 18.000 Mennoniten dazu bewogen, nach Amerika umzusiedeln, die ihr Land an die „Stammesbrüder“ verkauften, was wiederum die vorhandenen Land‑­

Probleme für eine Zeitlang löste. Aber bereits drei Jahrzehnte später wuchs der „Landhunger“ wieder und so begann die Suche nach neuen Ländereien zur Gründung neuer Tochterkolonien.

Ansiedlung in den Steppen Sibiriens

Die Neuigkeit über brachliegende Gebiete in der weiten Steppe im Süden von Westsibirien, die (aufgrund von „Stalypins Agrarreform“) den Umsiedlern zu einem Spottpreis angeboten wurden, erreichte auch die mennonitischen Kolonien in Süd-Rußland. So begaben sich 1907 die ersten deutschen Mennoniten in die Kulundische Steppe und gründeten dort eine größere Anzahl an Siedlungen. Die größte von ihnen entstand bei Slawgorod, wo innerhalb von zwei Jahren (1907-1909) 36 Dörfer gegründet wurden. Dazu kamen eine Reihe sogenannter Barnauler Randsiedlungen: die Fünfziger Dörfer, die Siebziger-Achtziger Dörfer, Paschnja, Gljadenj, Swistunowo. Eine dieser Randsiedlungen war Tschajatschij.

Sie bestand aus drei Dörfern: Nr.1 ‒ NIKOLAJEWKA, Nr.2 – ALEXEJEWKA, Nr.3 ‒ TATJANOWKA.

Was der Name „Tschajatschij“ zu bedeuten hat, konnte leider nicht mehr eindeutig geklärt werden. Da es nicht aus dem Deutschen stammt, ist es durchaus möglich, daß es die russische Bezeichnung für „Möwe“ ist, wie einige behaupten.

Geschichtlich ist unsere Siedlung kaum erforscht. Nur in zwei Publikationen konnte etwas über unsere Siedlung entdeckt werden:

Gerhard Fast hat in seinem Werk „In den Steppen Sibiriens“ von 1953 der Siedlung „Tschajatschij“ eine halbe Seite gewidmet! Seinem Bericht nach hatte Nikolajewka 30 Höfe, Alexejewka genau wie Tatjanowka jeweils 18 und ein weiterer Chutor hatte 5.

Die Grundstücke waren an der Straßenseite 80 Meter breit, und ein Hof wurde von dem anderen durch eine Pappel-Hecke getrennt. Ungefähr zur gleichen Zeit wurden auch die Dörfer Alexejewka und Tatjanowka gegründet. Das Dorf Alexejewka war jedoch mit seinen 18 Höfen nicht groß, und da es später nicht mehr wurden, existierte es seit dem Jahr 1929 auch nicht mehr als deutsches Dorf.

Verschieden waren die Schicksale der ersten Siedler, verschieden waren auch Ihre Wege und die Art, wie sie aus der fernen Ukraine nach Nikolajewka kamen.

Einer der ersten Ansiedler war Bernhard Klippenstein. In seinen ziemlich ausführlichen Erzählungen über die Umsiedlung nach Tschajatschij und die ersten Jahre nach der Ankunft berichtet er folgendes:

 Im Frühling des Jahres 1907 gingen drei Familien aus dem Dorf Steinfeld (Mutter-Kolonie Moloschna) auf die lange Reise: Bernhart Klippenstein, J. Klassen  und Franz Wolgemut. Auf ihren Fuhren hatten sie nur das Nötigste geladen, vor allem nahmen sie aber ihre landwirtschaftlichen Geräte mit, wozu u.a. Pflüge, Eggen und Sämaschinen gehörten. Kühe mit Jungvieh kamen ebenfalls mit.

Sie fuhren drei Jahre und blieben nur über Winter für längere Zeit an einem Ort. Im Herbst arbeiteten sie bei Bauern, um Geld für Nahrung und Unterkunft zu verdienen. Im Frühling, wenn sie – dank ihrer mitgenommenen Geräte – die Felder gepflügt und besät hatten, ließen sie sich auszahlen und zogen weiter. Zum Herbst 1910 kamen sie in die Nähe von Pawlodar. Im Winter fuhren die Männer nach Barnaul, um Papiere zu erhalten, die sie berechtigten, Land zu besiedeln und zu besitzen. Im Frühjahr 1911 zogen alle Männer mit ihren Pferden und ihrem Vieh nach Nikolajewka, wo ihnen Land zugewiesen wurde. Im Herbst, nachdem die Häuser gebaut und die Gärten angelegt waren, wurden dann die Frauen und Kinder ins Dorf gebracht.

Über die Familie Wall berichteten die Nachkommen, daß sie aus der Ukraine zunächst nach Dowlekanowo bei Orenburg zogen. Einige Jahre später fuhren sie dann weiter mit der Eisenbahn bis nach Omsk, in der Hoffnung, sich in dieser Gegend anzusiedeln. Da dort kein Land mehr frei war, empfahl ihnen ein Regierungsbeauftragter, der bei den Deutschen sehr beharrlich für die Ansiedlung in West-Sibirien warb, nach Kulunda zu fahren, da in dieser Gegend neue Dörfer gegründet wurden. So kam die Familie nach Tschajatschij und ließ sich in Nr.1 Nikolajewka nieder, wo sie einen Hof mit Land erwarb.

Etwas anders verlief die Umsiedlung der Familie Sukkau. Jakob Sukkau müßte 1911 ohne Familie nach Nikolajewka gegangen sein, wo er ein Grundstück zugewiesen bekam, eine Hütte (als vorübergehende Unterkunft) mit einem Stahl baute und nach Marienthal in Taurien (Kolonie Moloschna) zurückkehrte. Laut seinen Erinnerungen verkaufte er im Frühling 1912 seinen Hof und kaufte einen ganzen Güter-Waggon, in den all seine landwirtschaftlichen Maschinen sowie sein Hausstand hineinkamen.

Der Zug fuhr mehrere Wochen, bis er die Station Kargat erreichte, die zwischen Omsk und Novosibirsk lag und die die naheliegendste zu Nikolajewka war (denn damals gab es noch keine Eisenbahnverbindung bis Kulunda). Nachdem in Kargat die Pferde und Karren gekauft und beladen wurden, ging es Richtung Nikolajewka. Da das Dorf mehr als 300 km weit entfernt lag, dauerte die letzte Reiseetappe eine ganze Woche.

Bereits der erste Winter zeigte sich von seiner harten Seite: er war sehr schneereich und kalt, sodaß einige Leute auch erfroren. Da die ersten Hütten niedrig und flach waren, wurden sie dermaßen zugeweht, daß man morgens erst einmal den Schornstein unterm Schnee suchen und freischaufeln mußte, bevor man den Ofen überhaupt anmachen konnte. Die Schneestürme waren so stark, daß man nicht weiter als ein paar Meter sehen konnte.

Nicht weit von Nikolajewka gab es eine kleine Siedlung (= „хутор“), die wahrscheinlich kurz vor Nikolajewka entstand. Gemäß Erzählungen der Erstsiedler lebten dort fünf Familien.

Brauer Peter hatte mit seinem Schwager Foth Heinrich, der mit Peters Schwester Sara verheiratet war, in der Siedlung eine große Dampfmühle gebaut.

Sie hatten einige Arbeiter, die im Sommer in den Unterkünften neben der Mühle lebten. Zu der Zeit des Ersten Weltkrieges wurde das Leben in der Siedlung aufgrund der Diebstähle, die sich in dieser vorrevolutionären Zeit häuften, nicht ungefährlich. So zogen im Jahr 1917 die Bewohner der Siedlung ins Dorf um und ließen sich am Ortsrand nieder, um näher an ihren Höfen und an ihren Äckern zu sein.

Schulwesen

Im zaristischen Rußland war die Schulausbildung keine Pflicht, aber die deutschen Mennoniten legten großen Wert darauf. Trotz ihres starken Glaubens haben die Mennoniten in den neu gegründeten Siedlungen zuerst die Schule gebaut und dann das Bethaus. Solange dieses nicht fertig war, wurden die Gottesdienste in der Schule abgehalten ‒ so auch in Tschajatschij. Die Schule in Nikolajewka wurde bereits in den ersten Jahren gebaut (ca. 1914) und bestand aus einem Raum.

Die Schulausbildung, Bezahlung der Lehrer, der Bau und die Unterhaltung der Schulräume wurden von den Dorfbewohnern finanziert. Zur Schule gingen alle Kinder. Wenn jemand von den Eltern nicht bezahlen konnte, wurde dies von der Gemeinschaft übernommen, und kein Schüler musste wegen des Geldmangels auf seine Bildung verzichten.

Der Unterricht fand an sechs Tagen in der Woche statt (mit je 6 Stunden, samstags 3) und in zwei Sprachen (Russisch / Deutsch). Vom ersten Tag an wurden drei Schriftarten beigebracht (gotische / russische / lateinische) und auf die Schön- und Rechtschreibung legte man großen Wert. Den Unterricht begann der Lehrer mit einem Lied und einem Gebet, genauso wurde die Schule auch beendet. Abhängig vom Stundenplan bekamen alle sieben Klassen ihre Aufgaben.

Der Lehrer war auch der Chorleiter und wenn es nötig war, so hat er auch in der örtlichen Kirche gepredigt – denn es wurde kein Lehrer eingestellt, der nicht zu der mennonitischen Gemeinde gehörte. In der Schule herrschte strenge Disziplin, worin die Eltern den Lehrer unterstützten.

In den Jahren 1914-1919 variierte die Anzahl der Schüler zwischen 33 und 63.

Revolution und die Folgen

In den ersten vier Jahren gab es für die Siedler eine reiche Ernte, und im Jahr 1916 lagerte in den Getreidespeichern das Getreide von den letzten zwei Jahren. 1916 kamen Juden nach Nikolajewka, die Getreide für den Staat aufkauften. Da der Erste Weltkrieg im Gange war, stieg die Nachfrage nach dem Getreide.

Die Revolution in St. Petersburg fand 1917 unbemerkt von fernab gelegenen sibirischen Ortschaften statt, obwohl einige doch mitbekommen haben, was ihre Folgen sein könnten.

Peter Brauer, Besitzer der Dampfmühle in der Siedlung, wurde zum Wehrdienst einberufen und arbeitete während des Krieges als Lokführer  in den Zügen, die Verwundete nach Barnaul brachten.

Er sah das Chaos in der Armee und in den Städten, das von den Bolschewisten in Moskau und St. Petersburg herbeigeführt wurde. Nachdem er deren Politik und Ziele verstanden hatte, erkannte er, daß, wenn ihre Macht stärker werden würde,  den wohlhabenderen Leuten alles weggenommen werde. So wartete er diesen Tag nicht ab und verkaufte mit seinem Mitbesitzer Heinrich Foth die Mühle.

Ab 1918 herrschte in Rußland Bürgerkrieg, der auch in Sibirien zu spüren war und den Frieden und die Ruhe der weit entlegenen Dörfer in der Kulunda-Steppe störte. Im Spätherbst 1919 erschienen in Nikolajewka Splittergruppen der Weißen Armee, die mehrere hundert Soldaten umfassten. Es waren Österreicher, Ungarn und Polen, die sich vor der Roten Armee zurückzogen und versuchten sich nach China durchzuschlagen. In Nikolajewka mobilisierten sie Ersatz für ihre ermüdeten und ausgehungerten Pferde, die sie im Dorf ließen. Bis Lenki mußten die Bauern als Kutscher mitfahren; es hieß, für zwei Tage. Unterwegs wurden sie von den örtlichen Partisanen überfallen, die mit Schrotflinten und Mistgabeln bewaffnet waren. Der Überfall konnte ohne große Verluste für die Weißen abgewehrt werden, da sie über Gewehre und Kanonen verfügten. Auf der Seite der Partisanen dagegen gab es mehrere hundert Tote, die am nächsten Tag in einem Gemeinschaftsgrab am Rande des Dorfes Lenki beerdigt wurden. Die Detonationen der Geschoße während des Kampfes hörte man auch in Nikolajewka, wo sie aber zuerst für Donner gehalten wurden. Erst zwei Wochen später und mit ausgemagerten Pferden kehrten die Fuhren ins Dorf zurück.

Im Jahr 1921 begannen die Bewohner von Nikolajewka die Folgen der Oktoberrevolution zu spüren. Die Getreide-Zwangsabgabe, sogenannte „Prodraswörska“ (= „продразверстка“), ging auch an ihnen nicht vorbei.

Ins Dorf kamen zwei Vertreter der Regierung um Getreide einzutreiben. Sie und der Dorfvorsteher suchten sich die wohlhabenderen Bauern aus, bestimmten die Menge des Getreides, das diese besaßen und nahmen manchen alles, ohne etwas als Aussaat zurückzulassen. Um wenigstens etwas zu retten, wurden in manchen Häusern die Vertreter zu Tisch geladen und verköstigt – so konnte etwas Zeit gewonnen und ein Teil des zu beschlagnahmenden Getreides zum Nachbarn gebracht werden, das später wieder zurückgeholt wurde.

Die deutschen Dörfer litten besonders unter dieser „Prodraswörska“, da die Vertreter sie für wohlhabend hielten und sich bemühten alles mitzunehmen; in den russischen Dörfern wurde meist ein Teil des Getreides zurückgelassen.

Der Druck der Sowjetregierung auf die Bauern wurde immer größer, die Waren verschwanden aus den Geschäften, das Geld wurde zu wertlosem Papier, und nur der Warentausch funktionierte.

Nach einem Jahr wiederholte sich die Situation, „Prodraswörska“ wurde lediglich durch „Prodnalog“ (=  „Produktivsteuer“) abgelöst. Nachdem die Ernte eingefahren worden war, waren die Bauern wieder gezwungen, das Getreide an den Staat abzugeben. Im Herbst fing man an die Kartoffeln aufzukaufen und zu der Eisenbahnstation in Slawgorod hinüberzufahren. Aber durch den Mangel an Waggons (oder/und  durch die  mangelnde Organisation) wurden die Kartoffeln auf der Station auf einen Haufen geschüttet ‒ so lagen sie auch bei Frost, wodurch die meisten verdarben. Die Reste schickte man in die Schnapsbrennereien, wo sie zu Spiritus verarbeitet wurden.

Ähnliches geschah auch mit dem Getreide. Da es nicht genügend Speicher gab, stellte man mit Getreide gefüllte Säcke als Begrenzung auf und schüttete das Korn in die Mitte ‒ direkt auf die Erde. Diese Getreideberge wurden im Winter mit Schnee zugeweht, der im Frühling taute, wodurch alles naß wurde und das Getreide keimte. So verfaulte zwar das meiste, aber ein kleiner Rest konnte gerettet werden ‒ und wurde in die Schnapsbrennereien gebracht.

Es wurde auch viel an Fleisch geliefert. Nachdem den Bauern das Viehfutter genommen wurde, schlachteten sie das Vieh und hingen das Fleisch draußen im Frost auf, bis es steif gefroren war. Dieses brachte man zu den Zugstationen, wo es die Fleischer zu einem Spottpreis aufkauften.

Da es auch hierfür keine richtigen Lagermöglichkeiten gab, baute man an den Bahngleisen unter freiem Himmel „Fleisch-Gerüste“ auf, indem die im Ganzen gefrorenen Fleisch-Rümpfe immer zu viert auf die Hinterbeine gestellt wurden, wodurch der eine den anderen gestützt hat. Obwohl es auch Bewacher gab, kannten die Hunde und Ratten keinen Hunger. Im Frühjahr, als es warm wurde, tauten die Rümpfe auf, die „Fleisch-Gerüste“ sackten zusammen, und das meiste war nicht mehr genießbar. Bis die Lagerräume endlich gebaut wurden, vergingen einige Jahre.­

Im Winter 1922 auf 1923 brach die Typhusepidemie aus, die viele Menschenleben forderte. Es konnte herausgefunden werden, daß es zu dieser Zeit im Dorf 34 Höfegab und in jedem Haus gab es Tote.

Die Typhusepidemie wütete den ganzen Winter sowie Frühling, und auch wenn sie vielen Familien ihre Ernährer nahm, so war das nicht das einzige Leid in den Dörfern. Der Druck der Sowjet-Regierung auf die eigenständigen Bauern wurde immer größer. Es wurden wieder neue Getreidelieferungen gefordert und die Höfe noch mehr belastet, die bereits sehr gelitten hatten. Außerdem waren die Bauern gezwungen, das Korn selbst in die 120 km entfernte Stadt Slawgorod zu fahren, was mit dem Pferdefuhrwerk sechs Tage dauerte.

NÖP (Neue Ökonomische Politik = „НЭП“).

Im Jahre 1924 hatten die Bauern eine kurze Verschnaufpause – es gab die NÖP (Neue Ökonomische Politik = „НЭП“). Innerhalb kurzer Zeit merkte man ihre Folgen: Die Höfe erholten sich etwas; man züchtete wieder Vieh, dessen Anzahl sich in den vorangegangenen drei Jahren sehr reduziert hatte; man fing wieder an, die Felder zu besäen, die teilweise unbestellt geblieben waren; in den Geschäften gab es wieder Kerosin und Textilien. Auch wenn die Waren noch nicht ausreichend vorhanden waren und daher verteilt werden mußten, gab es bei den Menschen wieder Hoffnung auf bessere Zeiten.

Die erholsame NÖP-Zeit dauerte jedoch nicht lange. Immer öfter kamen 1928 Nachrichten aus den Nachbardörfern und -siedlungen, daß die lokalen Regierungen den eigenständigen Bauern ihr Eigentum ohne eine Kopeke Bezahlung wegnahmen – bei einem war es die Mühle, beim anderen der Traktor oder die Dreschmaschine. Bald wurden auch in Nikolajewka die Bauern mit untragbaren Abgaben erdrückt. Wenn z.B. der Besitzer einer Dreschmaschine diese den Nachbarn auslieh, wurde er dermaßen mit Steuern belastet, daß er Verluste machte. Daraus folgte, daß die Dreschmaschine ungenutzt herumstand, obwohl manch einer sie sehr gebraucht hätte. Die Ernte konnte man in diesem Jahr so gut wie gar nicht verkaufen.

Enteignung und Auswanderung

Das Jahr 1929 brachte für die eigenständigen Bauern die Wende – und für viele war es schicksalhaft.

Die Ernte von 1929 war gut, brachte den Bauern aber keine Freude: Es begann die so genannte „Entkulakisierung“ (= Enteignung). Der Dorfrat hatte angeordnet, daß das ganze Hab und Gut der wohlhabenden eigenständigen Bauern aufgelistet werde. Dies waren die fleißigsten und in der Regel kinderreichen Familien.

Als erstes auf die Liste zur Enteignung kamen vier Höfe:  Heinrich Peters (1877-1938), Peter Janzen (ca. 1875 - 1930), Isak Klassen           (1882-1938) und Jakob Sukkau (1908-1991). Der Dorfrat wählte diese vier, weil sie Großbauern waren und somit Kulaken, also Reiche bzw.„Schädlinge“. Dadurch wurden die anderen Leute aber sehr unruhig und fingen an zu verkaufen, weil sie nach Amerika ziehen wollten; was möglichst geheim gehalten wurde. Einige Bauern ließen ihre Häuser einfach stehen, und viele verließen ihre Höfe ohne neue Besitzer.

Die vier Großbauern, die notiert wurden, konnten jedoch nichts dergleichen machen. Im Gegenteil: In den umgebenden Dörfern wurde bekannt gemacht, daß auf vier Höfen in Nikolajewka Versteigerungen seien. Am angesetzten Tag fing der Aufruf am einen Ende des Dorfes bei Heinrich Peters an.

Das Vieh kam als erstes an die Reihe und ging komplett zum Mindestgebot weg (= 1 Rubel je Kuh), da keiner mehr dafür bot als der Viehaufkäufer der Regierung. Die vielen Leute (Deutsche und Russen), die zur Versteigerung aus den Nachbardörfern kamen, sahen zwar das Unrecht, boten aber nicht, da es nicht so leicht war, das Vieh zurückzugeben. Bei den Möbeln, dem Hausrat und den Maschinen war es anders. Schließlich wurde der gesamte Besitz zu einem Spottpreis verkauft, da der Verkäufer das erstbeste Gebot annahm. ‒ Das Geld ging ja sowieso an die Regierungskasse.

Nachdem man dort fertig war, kam Peter Janzen an die Reihe, wo es ebenso losging.

Um der Entkulakisierung zu entkommen, ging auch Franz Reger mit Frau und seinen noch nicht verheirateten Kindern „auf Reise“. Immer wieder mußte er den Wohnort wechseln, da ihm die GPU auf den Fersen war: Slawgorod, Omsk, Saratow, bis er schließlich bei Taschkent an Hunger und Krankheit starb. Nachdem sie den Vater beerdigt hatten, kehrten seine Kinder mit ihrer Mutter bitter arm nach Nikolajewka zurück.

 

Fam. Franz Reger in Nikolajewka ca. 1925

 

Die Bewohner, die das Unheil spürten, trafen also Vorbereitungen, Rußland zu verlassen. Es begann die Auswanderung nach Paraguay, Kanada, Brasilien. Anfangs versuchte man noch die Pläne bezüglich der Auswanderung geheim zu halten. Im Herbst 1929 wurde die Tür in den Westen ‒ nach Bemühungen Deutschlands ‒ zum letzten Mal kurz aufgemacht, bevor der eiserne Vorhang im Oktober 1929 die UdSSR endgültig von der Außenwelt abgeriegelte.

Die Nachricht über die damalige Ausreisemöglichkeit verbreitete sich wie ein Lauffeuer bis in das ferne Sibirien. Die Volksdeutschen ließen das ganze Hab und Gut liegen und strömten nach Moskau ‒ nur von dem Wunsch und der Hoffnung beseelt, das „Paradies der Arbeiter und Bauern“ so schnell wie möglich zu verlassen. Über 60 000 Deutsche hielten sich in der Moskauer Umgebung auf und bemühten sich um die Ausreisepapiere.

Damals schafften es insgesamt ca. 5 000 Deutsche durch Deutschland nach Süd- und Nordamerika zu fliehen. Nachdem der letzte Zug abgefahren war, fing in Moskau die Jagd auf die zurückgebliebenen Ausreisewilligen an. Sie wurden verhaftet und so lange gefoltert, bis sie eine Erklärung unterschrieben, für immer auf eine Ausreise zu verzichten. Nach der Abfertigung dieser Formalität wurden sie mit ihren Familien in die Güterwaggons verfrachtet und von bewaffneten Soldaten (so wie man früher verurteilte Verbrecher abtransportierte) dem Winter entgegen nach Sibirien „begleitet“.

In Kulunda angekommen wurden die Menschen – unter Bewachung – in die Schlitten gesetzt und noch weitere 100 km bis zum Wohnort gefahren. So kamen die „Verbrecher“ im Dezember wieder zu Hause an und diejenigen, die es nicht geschafft hatten ihr Haus zu verkaufen, hatten Glück und konnten es wieder beziehen.

Für die meisten Männer und heranwachsenden Jungen war dies ein Todesurteil, das 8 Jahre später vollzogen wurde: 1938 fegte die „stalinistische Säuberung“ die deutschen Dörfer leer von Männern, von denen kaum einer je zurückkam. Den meisten Deutschen war damals klar, in welcher Lage sie sich befanden und was das Schicksal ihnen bereitete: Entrechtung, Enteignung und Versklavung. Für sie bestand keine Hoffnung mehr, die Heimat der Väter zu erblicken oder überhaupt irgendwann aus diesem riesigen Land herauszukommen.

Manche erkannten die Gefahr ziemlich früh: So fuhr die Familie Brauer bereits 1925 weg. Sie zogen in die Slawgoroder Gegend, wo Peter Brauer eine Genossenschaft gründete. 1926 ‒  im Alter von 42 Jahren ‒ erkrankte er plötzlich und verstarb.

Im Frühling 1930 wurden zwei Familien mit Kindern aus Nikolajewka nach Narym deportiert – die  Großbauern: Peter Julius Janzen und Heinrich Kirsch. Aus diesen zwei Familien blieben nur zwei Menschen am Leben, die vor dem Krieg wieder zurückkehrten: die Ehefrau von Peter Janzen und die Tochter von Heinrich Kirsch, Aganetha. Die anderen starben den Hungertod.

Viele Familien verließen Nikolajewka, um dem Schicksal der „Enteigneten“ zu entfliehen, die massenweise in den Norden deportiert wurden ‒ in den sicheren Tod.

Die Kollektivierung

Im Winter 1930 begann in Nikolajewka die Einführung der Kolchose. Die Menschen traten ungern in die Kolchose ein, und erst im Frühjahr 1931 wurde den Einwohnern ihre aussichtslose Lage bewußt. Bereits im März 1931 waren alle außer B.Klippenstein und J.Sukkau in der Kolchose. Aber nachdem die Gefahr, der man sich mit seinem Widerstand aussetzte, erkannt war, stellte auch der Letzte seinen Antrag auf  Aufnahme.

Im Frühjahr 1932 schloß die lokale Regierung die mennonitische Kirche in Nikolajewka – zunächst unter dem Vorwand der Renovierungsarbeiten, die die Kirchengemeinde nicht finanzieren konnte. Doch nach einigen Tagen wurde dort das Gemeindehaus (= Klub) eröffnet und die Renovierung war nicht mehr notwendig.

Der örtliche Prediger und Kirchenleiter Johann Harder wurde verhaftet, und nach kurzer Zeit bekam seine Frau seine Sachen, was bedeutete, dass er nicht mehr am Leben war. Die Religion wurde von der sowjetischen Regierung unerbittlich bekämpft.

Im Laufe der Jahre kam die Kolchose langsam auf die Beine und auch wenn die Menschen viel ärmer waren als in den Jahren mit eigenständiger Landwirtschaft, so besserte sich das Leben: man vergaß den Hunger, der Warenladen arbeitete und zu Ende der 30er Jahre gab es auch einiges zu kaufen.

Doch es kam das Jahr 1938, das den Dorfbewohnern zum wiederholten Male in den Jahren der Sowjetregierung Elend und Leid brachte.

Teil 2: Vom Jahr 1938 bis zu Auswanderung nach Deutschland

Die NKWD-Zeit von 1938

Doch es kam das Jahr 1938, das den Dorfbewohnern zum wiederholten Male in den Jahren der Sowjetregierung Elend und Leid brachte.

Am 25. Januar 1938 kamen einige Männer in der Uniform der NKWD nach Nikolajewka und besetzten das Gebäude des Dorfrates. Die Liste mit den Opfern, denen befohlen wurde, zum Dorfrat zu kommen, war wahrscheinlich bereits vorhanden. An diesem Tag wurden auf einigen Schlitten mehr als 20 Menschen weggefahren. Keiner von ihnen wusste, wofür sie verhaftet und nach Slawgorod ins Gefängnis gebracht wurden. Später erfuhren sie, daß man ihnen vorwarf, Spionage zugunsten des faschistischen Deutschlands bzw. konterrevolutionäre Tätigkeit zu betreiben.

Die Absurdität dieser Beschuldigung müßten aber selbst die Täter dieser Barbarei erkannt haben. Denn es ging um die Bauern, die im tiefen Sibirien 6000 km vom Deutschen Reich entfernt lebten, vom bolschewistischen System ausgebeutet und versklavt wurden und nur bemüht waren, zu überleben und die Kinder satt zu kriegen. Diese Bauern, entbehrend jeglicher Information, ohne Zeitung oder Radio, hatten nicht die geringste Ahnung davon, was in der Welt vorging. Wie sollte man da Spionage betreiben?!

Die Verhaftungen kamen unerwartet und häuften sich. Im Dorf herrschten Angst, Verdächtigungen und furchtsame Erwartung, an jedem beliebigen Tag abgeholt zu werden. In der Regel kamen die NKWD-Männer nachts, in Begleitung vom Dorfrat-Vorsteher und machten Hausdurchsuchungen. Wenn eine Bibel gefunden wurde oder ein Brief von den nach Amerika ausgewanderten Verwandten, war das ein Grund für die Verhaftung als „Volksfeind“.

Die traditionellen Rituale, die jahrhundertelange Tradition bei den mennonitischen Familien hatten, konnten ebenfalls als Grund für die Verhaftung dienen. Auch wenn das Beten vor dem Essen oder Schlafen genau wie sonntägliche religiöse Versammlungen nicht öffentlich stattfanden, wurden sie gänzlich eingestellt - aus Angst, daß sich die Kinder in der Schule oder auf der Straße verplappern könnten.

Und auch wenn die Dorfbewohner damals noch nichts darüber wußten, was nach dem Abtransport nach Slawgorod geschah, war ihre große Furcht nicht unbegründet: Nach gerade einmal ein paar Monaten oder gar Wochen in der „Untersuchungshaft“ wurde der größte Teil der Inhaftierten in der „Gelben Mühle“ (In einer Dampfmühle bei Slawgorod wurde ein Gefängnis errichtet) erschossen! [„Die Gelbe Mühle hat Menschen gemahlen“ - wie treffend haben sich unsere Landsleute in ihrem Film über die Geschichte von Tatjanowka ausgedrückt.]

Nur wenige hatten das „Glück“, in den GULAG zu kommen, wo sie etwas länger leben durften. Doch ein paar Jahre später starben auch dort die meisten, nur die Gründe waren andere: Unterernährung, Krankheit, schwere Arbeit oder zu Tode gequält vom Wachpersonal.

In unserer Siedlung wüteten die Tschekisten bis Juli 1938. In jeder Familie wurde jemand abgeholt, und sogar vor Frauen machten die roten Herrscher keinen Halt.

So wurden Katarina Wiens  und ihre hochschwangere Schwester Anna Krause abgeholt. Im Gefängnis bekam Anna das Kind, doch es starb, noch bevor es das 1. Lebensjahr erreichte. Nach einem Jahr wurden die beiden Schwestern freigelassen. Aber Anna erkrankte an der Folgen der Strapazen und musste viele Jahre im Rollstuhl verbringen - bis zu ihrem frühen Tod 1965.

Als typisches Beispiel für das Schicksal einer deutschen Familie in der damaligen Zeit dient die Familie Gerzen.

Den jüngsten Sohn David (20 J.) holte man als ersten ab (am 22.01.1938), zwei Monate später waren der Vater und der älteste verheiratete Sohn Peter (24J.) an der Reihe. Am 13. Juni mußten ihnen Bernhard (22 J.) und Margarita (26 J.) folgen. Keiner von ihnen kam wieder zurück: Der Familienvater und der älteste Sohn wurden nach kurzer Zeit in Slawgorod erschossen. Bernhard und David kamen in den GULAG - David nach KRIWOJ ROG, Bernhard in den tiefen Norden nach KOLIMA. Vier Jahre später (1942) sind beide gestorben. Die tatsächliche Todesursache - unbekannt. Margarita hatte den GULAG überlebt, ist aber nicht mehr ins Dorf zurückgekehrt.

Nach Berichten einiger Dorfbewohner sollten es weit über 70 Verhaftete in diesen sechs Monaten von 1938 gewesen sein. Einzelne Verhaftungen fanden auch 1939 statt.

Im Frühjahr 1939 zählte Nikolajewka 74 Höfe, d.h. 74 Familien, aber nur noch sieben Männer, die im Dorf geblieben waren - vier von ihnen bereits älter als 70 Jahre. Von der enormen Menge an Verhafteten in den Jahren 1938-39 blieben nur vier am Leben, die dann in den 50ern nach Nikolajewka zurückkehrten: krank und gebrochen, die nach kurzer Zeit starben.

„Das Dorf und die ganze Umgebung waren jedoch kühl und fremd. Was auf der Straße zu sehen war: das waren müde und mutlose Frauen und Kinder, ab und zu ein erwachsener Mann“- so beschreibt Jakob Sukkau seine Eindrücke 1940 nach der Rückkehr von seiner 3-jährigen Abwesenheit.

Und als ob das Dorf immer noch nicht genug zu leiden gehabt hatte, musste noch eine schreckliche Tragödie passieren, die  alle Dorfbewohner erschüttert hatte. Im Frühjahr war es, nachts am 14. April 1940. Gepflügt wurde über Tag und Nacht. Abram Nickel war der Traktorist und Jakob Kreker, der zu der Zeit nicht einmal 13 Jahre alt war, musste den Pflug steuern. Die Kinder mussten die erwachsenen Männer auch bei schwerer Arbeit ersetzen.

Mitten in der Nacht, ermüdet,  sprang Jakob vom Pflug ab mit der Absicht, sich ein wenig auszuruhen,  so lange der Traktor die Runde machte. Wenn der zurückkam, konnte man wieder aufspringen. Ohne Schlimmes zu ahnen, legte sich Jakob in die Furche hin... und schlief ein. Bei der Rückkehr konnte der Fahrer in der düsteren Nacht den schlafenden Jungen nicht sehen und überfuhr ihn. Erst nach der Morgendämmerung wurde die vom Pflug zerfetzte Leiche des Knaben entdeckt.

Aber damit war das Leid von Nikolajewka, dessen Schicksal alle deutschen Dörfer innerhalb der UdSSR teilten, nicht beendet. Der begonnene Krieg forderte neue Opfer.

Im Jahre 1941 kamen die Frauen und Jugendlichen an die Reihe. In die sog. „Trudarmee“, was nichts anderes als Arbeitslager war, kamen Jugendliche ab 16 Jahre und Frauen, deren Kinder älter als 3 Jahre waren. Sie wurden zum Holzfällen in die Taiga, in die Fabriken im Ural, in Kohlengruben in Sibirien  oder in den tiefen Norden geschickt.

Im Jahr 1943 wurden russische Familien aus Leningrad nach Nikolajewka evakuiert. Ihnen, als den Opfern des Faschismus, wurde es erlaubt, für die Zeit des Bleibens im Dorf ein Haus nach ihrem Wunsch auszusuchen. Wenn aber das Haus belegt war, so mußten die deutschen Bewohner dieses räumen.

Nicht wenige Menschen starben in Nikolajewka in den Jahren des Krieges an Hunger. „Alles für die Front – alles für den Sieg“ war der Leitspruch. Die im Dorf gebliebenen Frauen und Heranwachsenden trugen die ganze Last der kräftezehrenden Arbeit auf ihren Schultern.

Während des Krieges blieben keine Pferde im Dorf, die Zug-Arbeit mußte man mit Ochsen und Kühen verrichten: pflügen, eggen, mähen, Futter fahren. Wenn jemand eine Kuh hatte, der mußte mit seinem Rind den ganzen Tag in der Kolchose arbeiten und war noch verpflichtet, eine bestimmte Menge Milch an den Staat abzugeben, natürlich umsonst. Wieviel Milch konnte man von einer Kuh erwarten, die den ganzen Tag im Gespann war anstatt auf der Weide? Die Kinder aber haben auch auf die Milch gewartet. Oft war es das einzige Eßbare, das sie am Tag bekamen, daher lebensrettend. Die tägliche Ration bekamen nur die Arbeitenden, die es zu Hause noch mit kleinen Kindern teilten. Wenn eine Mutter so mutig war, vom Feld eine Handvoll Getreide mit nach Hause zu bringen und es entdeckt wurde, schickte man sie ohne Erbarmen ins Gefängnis. Die Kinder waren dann dem Schicksal überlassen.

Als erste im Dorf starb eine Frau Siemens, die zwei Kinder hatte: Heinrich und Maria. Die Familie war 1941 aus der Ukraine deportiert worden. Nach dem Tod der Mutter wurden die Kinder ins Waisenhaus nach Slawgorod gebracht.

Sara Gossen starb mitten im Winter 1943/1944 nach einem zweiwöchigen Schneesturm. Den Nachbarn war es aufgefallen, daß bei Gossen bereits seit ein paar Tagen der Schornstein nicht rauchte.

Da man bei Frost von -25°C/-30°C ohne zu heizen nicht überleben konnte, mußte etwas Schlimmes geschehen sein. So gingen Susanna Dick und Maria Klassen hin, um nachzusehen, wobei sie zuerst die Tür und die Fenster vom Schnee freischaufeln mußten, weil das Haus (außer dem Schornstein) ganz unter Schnee lag. Als die Frauen hereinkamen und ihre Augen sich ein wenig an die Dunkelheit gewöhnt hatten, sahen sie Sara auf dem Tisch neben den Ofen tot liegen. Da die Frauen wußen, daß im Haus noch Kinder sein müßten, fingen sie an, nach ihnen zu rufen und hörten daraufhin leise Geräusche. Im Ofen entdeckten sie zwei kleine Kinder, Peter 4 J. und Lena  5 J, die sich dorthin vor Kälte verkrochen und in der Asche eingegraben hatten. Sie mußten sich einige Tage so versteckt haben, denn als sie aus dem Ofen herauskamen, waren sie schwarz von der Asche, halb nackt und sehr abgemagert. Es war erschütternd, sie anzusehen. Die Kinder wurden ins Waisenhaus nach Lenjki gebracht. Lena ist bald gestorben, Peter hatte überlebt und ist nach ca. 12 Jahren ins Dorf zurückgekommen. Er heiratete später ein deutsches Mädel und hat neun Kinder großgezogen: fünf Söhne und vier Töchter.

Das Ende des Krieges bemerkten die Dorfbewohner nicht, denn es brachte den Deutschen keinerlei Erleichterung. In ihrem Leben hat sich nichts geändert: Sie arbeiteten weiter für ein Stück Brot; Ehemänner, Töchter und Söhne kamen nicht nach Hause zurück - von den meisten kam in all diesen Jahren nicht einmal ein Lebenszeichen.

Der Hass gegen die Deutschen, den die Staatspropaganda im Krieg geschürt hatte, nahm nicht ab und richtete sich jetzt gegen die Volksdeutschen, die sich 10 Jahre nach dem Krieg immer noch in Arbeitslagern befanden oder in den Dörfern unter der „Beschränkung der Rechtsstellung“, sprich Kommandantur-Überwachung, leben mußten.

Zehn Jahre mußten noch vergehen, bis die Deutschen die Entspannung im Verhalten der Regierung ihnen gegenüber zu spüren bekamen: Im Jahr 1956 wurden die Arbeitslager aufgelöst und die erniedrigende Kommandantur-Überwachung abgeschafft. Das brachte den Rußlanddeutschen eine kleine Hoffnung, und so kehrten einige Frauen, die das Arbeitslager überlebt hatten, ins Dorf zurück, das sie 15 Jahre zuvor als junge Mädchen gezwungen waren, zu verlassen.

Ende der 50er-Jahre war die Armut zwar noch nicht überwunden, doch die Normalität kehrte langsam ins Dorf zurück. Auch wenn das Brot noch immer knapp war, hungern brauchte keiner mehr: die lebensrettende Kartoffel machte alle satt.

Das Dorf erholt sich

Das Leben ging weiter; eine neue Generation wuchs heran.

Und wie schon seit Urzeiten, so auch damals, wollte die Jugend - allen Umständen zum Trotz - leben, singen, lieben.

Die Vorkriegskinder wurden erwachsen, gehörten nun zur  Jugend und gründeten allmählich selbst schon Familien. Die Straße und die Schule füllten sich wieder mit Kindern. Das Dorf lebte wieder auf.

Nur eines fehlte: Die Männer im reifen Alter, von denen kaum einer wiederkehrte. Zurück blieben nur die Witwen in ihren besten Jahren.

 

           Die Tschajatschij - Witwen  in den 50-ger und 60-ger Jahren

Die Schule an sich ist auch ein wichtiger Meßwert einer Gesellschaft oder Volksgruppe. An ihr kann man ermessen, welchen Wert die Bildung bei einem Volk hat. Wenn wir uns die Schulklassen anschauen, können wir sogar die wirtschaftliche Situation und den demografischen Zustand im Volke erkennen.  Da es kein Bild aus der „Guten Zeit“, also aus der  Zarenzeit, gibt, so schauen wir auf das Jahr 1933. Das ist die letzte Zeit vor der großen Katastrophe. Eine kleine Schule im kleinen Dorf, aber eine Schar von deutschen Kindern, 80 sind es und in der Mitte deutsche Lehrer:

          

    Die Schule aus dem Jahr 1933

 

    

Bild der Schulklasse  1937 (Jahrgang 1927-28)

Auf diesem Bild ist die Armut nicht mehr zu übersehen: die Kleidung ist meist zu groß, wie auch das Fußzeug, wenn es vorhanden ist. Noch sind es deutsche Kinder, die beiden Lehrer (Jakob Derksen und Isak Gossen) sind ebenfalls deutsch. Ein Jahr später verschwanden die beiden Lehrer im GULAG, von denen nie mehr ein Lebenszeichen kam.

Noch deutlicher ist die demografische Situation auf diesem Bild zu erkennen: eine Klasse von 8 Kindern, und nur eins von ihnen ist deutsch (unten, zweite von rechts). Wer konnte auch 1944-45 ein Kind zeugen? Die meisten deutschen Männer waren schon seit 6 Jahren unter der Erde, die wenigen, die noch lebten, hatten noch 10 risikoreiche KZ-Jahre vor sich.

Auch die Lehrer sind nicht mehr dieselben. Die deutschen Lehrer sind alle 1938 umgebracht worden: Lehrer Gerhard Focht, Lehrer Jakob Derksen, Lehrer Isak Gossen.

Schulklasse von  ca. 1958   (Jahrgang 1945)

 Schulklasse von ca. 1976  (Jahrgang 1961)

Schulklasse 1971 (Jahrgang 1959)

An den letzten zwei Bildern kann man erkennen, dass sich das Dorf von den Verlusten der 40 mörderischen Jahre vollständig erholt hat. Die Klassen sind wieder groß, und da sie immer größer wurden, reichten die Schulräumlichkeiten, die 20 Jahre zuvor erweitert wurden, kaum aus. Der größte Teil der Schüler sind deutsche Kinder. An der einheitlichen und guten Kleidung ist auch der wirtschaftliche Aufschwung zu merken.

Es gab wieder Hoffnung auf ein besseres Leben. Und auch wenn es immer noch an allem fehlte, gaben unsere bescheidenden und fleißigen deutschen Menschen ihr Bestes. Den ganzen Tag waren alle mit schwerer Arbeit beschäftigt: von früh morgens bis spät abends, in der Kolchose und zu Hause. Bis in die 60er Jahre hinein gab es keinen geregelten Arbeitstag, keinen Feierabend, kein Wochenende, keinen Urlaub.

Auch Rente gab es keine. Als 1963 die leidgeprüften Witwen, die die Kriegsjahre auf ihren Schultern getragen haben und mittlerweile Großmütter geworden sind, ihre erste Rente von 12,00 Rubel bekamen, welche Freude war das für sie! Wie stolz waren sie auf ihr eigenes „Einkommen“, auch wenn es nur ein „Taschengeld“ war! Nun konnten sie auch ihren Enkelchen mal ein „Metzpun“ (= Bonbon-Plat) als Belohnung geben, wie es noch ihre Großmütter in „guten Zeiten“ gemacht haben.

Erneuerung

In den darauf folgenden 70er und 80er Jahren hat sich im Dorf vieles verändert – vor allem äußerlich. Dies entstand zu einem dadurch, dass Mitte der 60er Jahre die letzten flachgedeckten Rasensoden-Hütten verschwanden und an deren Stelle größere und spitzgedeckte Häuser kamen. Zum anderen vergrößerte sich das Dorf durch den Zuwachs der Bevölkerung, weshalb die Häuser immer dichter aneinander gebaut wurden und man gezwungen war, neue Straßen anzulegen, sodaß das Dorf nicht nur in der Dichte, sondern auch in der Breite zunahm. Der große Bewohnerzuwachs hatte mehrere Gründe: Es bildeten sich immer mehr neue Familien, die meist kinderreich waren, und es zogen viele aufgrund der Kolchose-Vergrößerung hinzu. Bei der ersten Vergrößerung 1952 wurde unsere Kolchose um 3 russische Dörfer erweitert, aus denen die meisten Anwohner nach Nikolajewka übersiedelten. Die 2. Kolchose-Vergrößerung fand nach der Gründung der Sowchose Dolinskij 1971 statt, und in den darauffolgenden Jahren zogen viele Einwohner von weiteren 3 Dörfern, ebenfalls russischen, nach Nikolajewka. Dadurch wurde der Anteil der Deutschen von Jahr zu Jahr immer kleiner. Eigens dafür wurden zwei Straßen neu angelegt.

So wurde die Schule wieder zu klein. Doch nun baute man sie nicht mehr aus, sondern errichtet eine neue -  groß und zweistöckig.

Zum Ende der 80er Jahre wuchs Nikolajewka (Nr.1) bis auf 240 Häuser, in denen über 1000 Menschen lebten, in Tatjanowka (Nr.3) 120 Familien. Da aber in Nr. 3 fast alle Familien kinderreich waren, war die Bevölkerungszahl nicht viel geringer als in Nr.1. Da die Fremden alle nach Nikolajewka zogen (es war Gemeindezentrum), hatten die Einwohner von Tatjanowka (Nr.3) das Glück, unter sich zu bleiben. So blieb das Dorf bis zuletzt rein deutsch.

Die Auswanderung

Und dann kam das, was kommen musste: die Auswanderung. Das Verlangen nach der Heimat der Ahnen, welches unsere Urgroß- und Großeltern seit dem Entstehen des Sowjet-Regimes in sich trugen, wurde auf einmal wieder lebendig. Durch die politischen Veränderungen in Europa ist die Tür nach Deutschland aufgegangen, und die Volksdeutschen strömten aus ihren Verbannungsorten, zerstreut im riesigen Rußland, um die Möglichkeit der Rückkehr nicht zu versäumen. In kurzer Zeit sind die deutschen Dörfer fast leer geworden, und auch in Tschaiatschij geschah dies ziemlich schnell: 1988 fuhr die erste Familie weg, fünf Jahre später blieben nur wenige deutsche Familien zurück. In Nr.3 ging es so rasch, dass viele Häuser nicht verkauft wurden und zunächst leer standen.

Das, was 60 Jahre zuvor mit Alexejewka (Nr.2) geschah, passierte vor 20 Jahren mit den anderen beiden Dörfern, also mit der ganzen Siedlung: Als deutsche Siedlung hat Tschaiatschij aufgehört zu existieren.

Das Dorf im sommerlichen Abend: das Vieh kommt von der Weide

Schlußfolgerung

Was ist aus unserem Dorf in den 20 Jahren unserer Abwesenheit geworden?

Wer heute nach Tschaiatschij zu Besuch kommt, der lange Zeit oder nach der Ausreise gar nicht im Dorf gewesen ist, der wird die Siedlung kaum wiedererkennen. Neues ist in der Zwischenzeit nicht gebaut worden, aber vieles wurde abgerissen, ist verkommen oder verwildert und mit Ahorn und Unkraut zugewachsen (vor allem das Wirtschaftsgelände, das nicht mehr genutzt wird). Doch nicht nur wegen der äußerlichen Veränderung wirkt das Dorf auf einen fremd. Es sind überwiegend fremde Leute, die einem auf der Straße begegnen und die vom Verhalten her anders sind, als wir es damals kannten. Vielleicht ist es aber auch deswegen, weil man von  niemandem mehr unsere Muttersprache, das so vertraute Plattdeutsch, hört?

So kommt mir der Gedanke: Ist das mein Dorf, wo ich geboren und aufgewachsen bin, zur Schule ging und die Jugend verbrachte? Ist das der Ort, wo die besten Jahre meines Lebens verlaufen sind und nach dem ich mich noch viele Jahre nach der Auswanderung so schmerzhaft gesehnt habe?

Jetzt empfinde ich dieses Dorf nicht mehr als meine Heimat, dort bin ich fremd. Heimat muss etwas anderes sein. Ich bin der Meinung, dass ich meine Heimat gefunden habe - hier in Deutschland. Und wenn nicht alle von meiner Generation das von sich behaupten würden, für unsere Kinder (von den Großkindern ganz zu schweigen) sieht es anders aus. Sie sind hier zu Hause!

Heute feiern wir das 100-jährige Jubiläum unserer Siedlung, doch diese Feier begehe ich mit gemischten Gefühlen.

Einerseits, wenn man in die Geschichte zurückblickt, überkommt einen die Trauer und Verbitterung über das Leiden und Sterben unserer unschuldiger Ahnen. Nach der Gründung hatten unsere Dörfer nur 6 relativ ruhige Jahre gehabt. Die dann folgenden 40 Jahre waren für unsere Siedlung eine unendliche Kette von Enteignung, Hunger, Versklavung, Erniedrigung, Verhaftungen und Tötungen - eine sinnlose Vernichtung unseres Volkes durch die „Gelbe Mühle“, GULAG‘s, Arbeitslager. Über ein Drittel der deutschen Bevölkerung in der UdSSR ist diesem Genozid zum Opfer gefallen. Wenn einige meiner Zeitgenossen das vergessen haben, so soll man sie daran erinnern, dass meine Generation, die nach Ende der 50er Jahre zur Welt kam, das Glück hatte, die „besten“ Jahre in der Zeit des Bestehens des „Paradieses der Arbeiter und Bauern“ erwischt zu haben. Nicht einmal 30 Jahre dauerte diese „beste“ Periode des bolschewistischen Regimes, relativ ruhiger, relativ menschlicher, relativ wohlhabender, relativ gerechter. RELATIV!, solange man nicht in Konflikt mit dem System geraten war. Ende der 80er fing die „Ära  Gorbatschow-Jelzin“ an, dann ging es wieder los.

Doch andererseits, wenn man hier und heute unsere Dorfleute, unsere Kinder und Großkinder sieht, wird man von Stolz und Zufriedenheit erfüllt. .Die 200 Jahre im fremden Land, das weit vom Mutterland entfernt war, haben wir, unsere Väter und Ur-Väter ohne Schandflecke überstanden. Wir haben dort Höhen erreicht, die wir nie im Mutterland erreicht hätten; wir haben aber Tiefen erlitten, die wir in unserer Urheimat  nie erlitten hätten. Nun sind wir dort angekommen, wo unsere Ahnen vor 200 Jahren weggegangen sind – in unserem Vaterland. Wir können zuversichtlich in die Zukunft schauen: unsere Kinder sind klug und intelligent und meistern das Leben trotz aller Umstände. Man sieht das an vielen Erfolgen, die sie schon jetzt zu verzeichnen haben: in der Bildung, Verwaltung, in der Wirtschaft, im Beruf, im Sport. Es gibt leider nur ein Feld, das wir noch nicht so richtig betreten haben: die Politik. Ich bin aber zuversichtlich, es wird nicht lange dauern, da werden sich unsere jungen Leute in der Politik für die Herstellung des Rechtes und der Ordnung in unserem Vaterland aktiv einsetzen. Unsere heimattreuen Volksgenossen warten auf uns!

Johann Thießen, Hürtgenwald