Das städtische Deutschtum in Russland

 

 

Das Deutschtum in Russland greift in weiter Vergangenheit zurück. Wenn wir anstatt Deutschtum Germanentum sagen, so ist dies noch älter als der russische Staat -- Staat im heutigen Sinne -- selbst. Lange bevor es einen russischen Staat gab, lebten germanische Stämme auf weiten Teilen des Bodens, der heute zum russischen Staatsgebiet gehört. Der germanische Stamm der Warjäger beherrschte, vom Norden (Skandinavien) her eindringend, schon im 9. Jahrh. von Nowgorod aus -- dem Helmgard der Warjäger -- Dnjeprabwärts, über Kiew hinaus, weite Gebiete des Landes. Russland bekam seinen Namen von dem germanisch-normannischen Stamm der Rossen, der von Rjurik, Sineus und Truwor geführt, im ostslawischen Raum, im Norden um Nowgorod, im Süden um Kiew, seine Herrschaft befestigte, so dass Helgi (Oljeg) schon im Jahre 882 beide Gebiete zu einer weitreichenden Herrschaft (bis Byzanz), mit der Residenz in Kiew, vereinigen konnte. Erst das Vordringen der Mongolen und ihr Sieg über Kiew im Jahre 1240 machte der weiteren staatsbildenden Herrschaft der Noormannen ein Ende und unterband 250 Jahre hindurch jede weitere kulturelle Entfaltung in dem ostslawischen Großraum.

Nur im Norden war während dieser Zeit die Hansa vorgedrungen und verband das Land, das der Tatarenherrschaft nicht verfallen war, durch ihren Handel, von Nowgorod aus, mit dem Westen.

Das Deutschtum im heutigen Sinne entsteht in Russland aber erst nach der Niederwerfung und Vertreibung der Mongolen aus Russland. Mit der Entwicklung der Städte dringen deutsche Handwerker und Kaufleute hier ein und bilden eine lose Brücke zwischen dem neu aufstrebenden ostslawischen Staat und dem Westen.

Schon im 16. Jahrh. entsteht bei Moskau, jenseits der Stadtmauer, ein ,,Deutscher Vorort”, die ,,Niemetzkaja Sloboda”, mit einer organisierten ev.-lutherischen Gemeinde, die schon ihre eigene Kirche und Schule hat. Es ist Johann IV., der Schreckliche genannt (1533-84), der großen Wert auf die Heranziehung von Deutschen beim Aufbau seines Staates legt und sie wohlüberlegt ins Land ruft. Außer Kaufleute und Handwerker werden deutsche Offiziere, Beamte, Gelehrte aller Art nach Moskau gerufen.

Von der Zeit Peters des Großen an mehrt sich der Einfluss der Deutschen immer mehr, bis unter seinen Nachfolgern fast alle maßgebenden Stellen im Staat und am Hof mit Deutschen besetzt waren. Deutsche bildeten die Oberschicht am Hof, beim Herr und vielfach auch in der Wirtschaft. In der Garde waren die Deutschen beherrschend. Charakteristisch ist ein Heeresbefehl jener Zeit, in dem betont wird, dass ,,auch Russen in die Rangliste” eingetragen werden können. Der größte Teil hielt sich treu zu seinem Volkstum und seinem religiösen Bekenntnis. Im allgemeinen war die Kirche der Mittelpunkt, um den sich die Deutschen scharten und von dem aus die zusammenhaltende Kraft ausging.

St.Petersburg

In Petersburg spielen die Deutschen von der Gründung dieser Stadt an eine wesentliche Rolle. In den ersten Häuserreihen, die in der neuen Festung St. Petersburg 1703 angelegt wurden, wird schon eine kleine evangelische Kirche errichtet, ein Beweis, dass schon hier eine große Zahl deutscher Handwerker beteiligt war. Mit dem Wachsen Petersburgs wächst die deutsche Gesellschaft. Die Akademie der Wissenschaften wird im wesentlichen von Deutschen gegründet, und deutsche Gelehrte tragen das meiste zu ihrem Ruhm bei. Deutsche Handelshäuser und Fabriken werden führend. Die deutsche Handelskammer in Petersburg wurde erst bei Beginn des ersten Weltkrieges geschlossen. Die erste Zeitung, die in Russland erscheint, ist die von der Akademie der Wissenschaften 1727 gegründete St. Petersburger Zeitung, die zwei Jahrhunderte hindurch -- bis zum ersten Weltkrieg -- nicht nur in Petersburg in allen maßgebenden Kreisen gelesen wurde, sondern in ganz Russland unter den Deutschen Verbreitung fand, besonders im letzten Halbjahrhundert ihres Bestehens. Das erste russische Theater ist aus einer Gastsieltruppe aus Deutschland entstanden. Private deutsche Theatervereine -- erinnert sei nur an die ,,Palme” -- bestanden bis 1914. Von allergrößter Bedeutung aber waren im Laufe von mehr als zwei Jahrhunderten die deutschen Schulen.

Es waren von Anfang an Kirchenschulen. Sie sind ein besonderes Ruhmesblatt der evangelischen Kirche in Russland. Mit der Gründung einer Kirchengemeinde war in der Regel auch die Gründung einer deutschen Kirchenschule verbunden. Pfarrer und Kirchenvorstände betrachteten es als ihre selbstverständlichste und vornehmste Pflicht, dass bei der Kirche die Schule war. Das war echt lutherisch gedacht und gehandelt. Gehört doch zu den grundlegenden Schriften des Reformators seine Schrift: ,,An die Ratsherren aller Stände deutschen Landes, dass sie christliche Schulen aufrichteten und halten sollten”. Nie vorher hat ein Kirchenmann die Schule so eng mit der Kirche verbunden, wie Luther. Darin waren die Gemeinden in Russland stets seine treuesten Nachfolger. Hier gehörten Deutschtum und Evangelium zusammen.

Wie die erste Kirche aus dem bescheidenen Holzkleide, das sie am Anfang trug, herauswuchs und immer größere und imposantere Formen annahmen, so dass sie sich wohl sehen lassen konnten in der Haupt- und Prunkstraße Petersburgs -- am Newski Prospekt -- so wächst mit ihr die Schule aus der Kleinkinderschule, in der nur Lesen und Schreiben und die wichtigsten Stücke des christlichen Glaubens gelernt wurden, empor zur Mittel- und Hochschule, zu Gymnasien, Realschulen und Lyzeen, die klangvolle Namen haben. Sie wurden nicht nur zu Erziehern der Gemeinde, aus denen sie emporwuchsen, sondern auch des Gastvolkes, das von ihnen lernt und ihrem Vorbilde nachzueifern versucht. Beste russische Familien waren bestrebt, ihre Kinder, wenn irgend möglich, in den deutschen Kirchenschulen der Hauptstadt anzubringen. Als die Petri-Schule im Jahre 1910 ihr 200jähriges Jubiläum feierte, da fast der prächtige Festsaal, des zweitgrößten Saales in Petersburg, kaum die Zahl der Festgäste, die gekommen waren, ihren Dank und ihre Anerkennung für das, was sie den deutschen Schulen verdanken, zum Ausdruck zu bringen. Unter den Gratulanten befanden sich russische Minister, Generale, Wissenschaftler, Kaufleute. Zar Nikolaus II. und die Zarin schickten huldvolle und anerkennende Telegramme. Vor dem ganzen russischen Volk, in dem die Hetze gegen das Deutschtum, von den Slawophilen geschürt, mächtig im Schwunge war, sprach es der Zar offen aus, dass diese Schulen Vorbildliches für das Bildungswesen in Russland geleistet hatten.

Es gab vier große deutsche Bildungszentren, in verschiedenen Stadtteilen Petersburgs gelegen, deren stattliche Bauten sich um die Kirche hinzogen. Im Jubiläumsjahr konnte der Direktor der Hauptschule zu St. Petri den Schulkomplex als einen Riesenorganismus bezeichnen, der 5 verschiedene Schulen mit 142 Klassen umfasste, in dem täglich 1667 Zöglinge von 69 Lehrenden unterrichtet wurden. Die Schule unterhielt ein achtklassiges Gymnasium nebst Vorklassen, eine siebenklassige  Oberrealschule mit einer Handelsabteilung und ein achtklassiges Mädchengymnasium, Elementarschule und Waisenschule.

Ein ähnliches Bildungszentrum erhob sich neben der schönen, gotischen St. Annenkirche. Ebenso hatten die reformierte Kirche, sowie die Marienkirche ihre hervorragenden Knaben- und Mädchenschulen. Wie beliebt und anerkannt die deutschen Kirchenschulen waren, geht daraus hervor, dass man nicht selten Anzeigen in deutschen und russischen Zeitungen fand, dass Lehrlinge oder Angestellte für ein großes Unternehmen oder eine Fabrik gesucht werden mit dem Vermerk: ,,bevorzugt wird Abiturient der St. Annen- oder St. Petrischule.” Die Schulen standen auf der Höhe des modernen Bildungswesens. Ihre Direktoren waren Männer von auch in Deutschland anerkanntem Ruf. Darüber hinaus waren sie deutsche Ordnungszellen, auch mitten in den Revolutionswirren 1905. Ihrer wirtschaftlichen wie erzieherischen Bedeutung, nicht nur für die Deutschen, sondern auch für das Staatsvolk, haben es diese Schulen zu verdanken, dass sie auch in den schlimmsten Russifizierungsjahren unter Alexander III., in denen alle deutschen Schulen -- auch die des Baltenlandes -- russifizierten wurden, diese Schulen die deutsche Unterrichtssprache behalten durften. So wurden alle Fächer bis auf russisch und russische Geschichte in deutscher Sprache unterrichtet. Dabei hatten sie die vollen staatlichen Rechte wie die russischen Schulen derselben Gattung.

Wie das Bildungswesen in den Händen der Kirche lag, so trug sie auch die ganze soziale Fürsorge. Auch auf diesem Gebiet hat die evangelische Kirche Petersburgs Vorbildliches geleistet. Die große Bewegung der sozialen Verantwortung, die in der Kirche durch Johann Hinrich Wichern geweckt worden war, drang über das Baltikum hinweg auch in die deutsche Gemeinden Russlands. Hier stand wieder Petersburg an der Spitze, vorbildlich und wegweisend. In einer Statistik werden um die Jahrhundertwende 100 verschiedene Wohltätigkeits-, Hilfs- und Betreuungseinrichtungen für alt und jung aufgezählt. Generalsuperintendent Pingoud unterscheidet dreierlei Anstalten:

1.) Solche, die ausschließlich geistigen Notständen dienen, wie die Evang. Bibelgesellschaft in Russland, die seit 1848 neben der russischen Synodalgesellschaft bestand, die Ev. Jungfrauen- und Jünglingsvereine, die Heidenmission und die Ev. Stadtmission. Die letztere besaß ein großes Vereinshaus, in dem verschiedene evang. Wohltätigkeitsveranstaltungen (Gouvernantenheim, Heim für junge Mädchen u. a.) gleichfalls ihren Sitz hatten. Ferner wurden unterhalten: ein evang. Altersheim, ein Seemannsheim und andere Anstalten.

2.)Wohltätigkeitswerke, die ausschließlich leiblichen Notstände diente: im wesentlichen Anstalten für Kranke und Sieche. Hier wären das evang. Hospital und Diakonissenhaus (gegr. 1859) mit einem herrlichen eigenen Gebäude zu nennen, das Alexanderstift für Frauen, eines der ansehnlichsten Krankenhäuser der Hauptstadt, das deutsche Alexanderhospital für Männer, das Emanuel-Stift für Epileptiker und idiotische Kinder, das evang. Sanatorium für Brustleidende, die Anstalten für Blinde und Taubstumme u. a.

3.) Zu den Anstalten, die beide Gesichtspunkte, den leiblichen und geistlichen berücksichtigen, gehören vor allem auch die Unterstützungskasse für die evang.-lutherischen Gemeinden in Russland.

Neben der ,,St. Petersburg Zeitung” erschien eine zweite Tageszeitung -- der ,,Petersburger Herold”. Eine kirchliche Wochenzeitschrift von hohem Niveau war das ,,St. Petersberger Evang. Sonntagsblatt”, das unter den evang. Deutschen bis in die entlegensten Gebieten Russlands seine Leser hatte.

Dass das gesellschaftliche Leben: Turnen,Musik, Gesangvereine, Liedertafel, Singakademie, neben dieser vielgestaltigen Entfaltung der Kirchengemeinden auch eine bedeutende Rolle spielte, ist nach obigem selbstverständlich. Petersburg zählt um die Jahrhundertwende gegen 100000 Deutsche, davon 25000 Reichsdeutsche.

Moskau

Auch in Moskau hat das Deutschtum bedeutende Leistungen aufzuweisen. Schon unter Peter I. waren die Deutschen aus dem deutschen Vorort jenseits der Stadtmauer in die Innenstand eingezogen. Hier gruppierte sich das deutsche Leben um zwei Zentren. Um die alte St. Michaeliskirche auf dem Gorochowoje Polen und der dazu gehörigen Michaelis-Schule mit dem angegliederten Internat. Die zweite Kirche war die St. Petri-Pauli-Kirche an der Maroseika, zudem Peter der Große seinerzeit den Grundstein gelegt hatte, die aber im Laufe der Jahre mehrfach erneuert worden war und Anfang unseres Jahrhundert ganz neu wieder aufgebaut wurde. Die großen Mittel dazu wurden durch freiwillige Spenden aufgebracht. Allein die Firmen Knoop und Wogau & Co. Stifteten je 100000 Rubel = 216000 Goldmark zum Bau dieser Kirche, wie überhaupt diese Firmen viel zur Förderung der deutschen kulturellen Belange beigetragen haben. Von diesen Sammlungen schloss sich kein bewusster Deutscher, ob arm oder reich aus. Die Kirche stand unter dem Protektorat des deutschen Kaisers. Kaiser Wilhelm II. spendete die aus Schmiedeeisen kunstvoll gearbeiteten Kronleuchter für die Kirche. Zur Petri-Pauli-Kirche gehörte die St. Petri- Pauli-Knabenschule mit den Rechten eines Gymnasiums und ebenso eine höhere Mädchenschule. Die Anzahl der Kinder in beiden Schulen betrug in den letzten Jahren im Durchschnitt 1200. Auch diese beiden Schulen eiferten dem Beispiel der  Petersburger Schulen nach, auch an ihnen wurden die meisten Fächer in deutscher Sprache unterrichtet bei genügender Berücksichtigung der russischen Sprache. Neben einem großen evang. Armenhaus, in dem die Armen der Gemeinde unentgeltlich Aufnahme und Verpflegung fanden, besaß die Gemeinde ein großes evang. Krankenhaus, das von der Witwe des großen Philantropen Conrad Bansa auf eigene Kosten erbaut und unterhalten wurde. Selbstverständlich gab es auch eine rege Vereinstätigkeit in Jünglings und Jungfrauenvereinen, in Männer- und Frauen- Organisationen, in Gesellschaftsklubs usw. Den Zusammenhalten der Deutschen untereinander sowie die Pflege der kulturellen Belange der Deutschen diente die ,,Moskauer Deutsche Zeitung”.

Wie das übrige Deutschtum in Russland, so hatte auch das Deutschtum in den Hauptstädten schwerste Verfolgungen schon während des ersten Weltkrieges zu erdulden. Selbstverständlich wurden alle Schulen sofort russifiziert, die Zeitungen verboten, die deutsche Sprache in der Öffentlichkeit unter Strafe bis zu Gefängnis und Verschickung nach Sibirien gestellt.

Ein Tag aber soll sich durch seine Schrecken und Unmenschlichkeiten vor allen anderen hervorheben -- es ist der nicht zu vergessende 15. (neuen Stils 28.) Mai 1915 -- der Tag des großen Deutschenpogroms in Moskau, an dem Millionenwerte vernichtet und zahlreiche Deutsche vom Pöbel hingemordet wurden. Der unmittelbare Anlass dazu war die Rückeroberung der österreichischen Festung Premysl durch die Deutschen. Diese Festung hatten die Russen vorher von den Österreichern erobert und große Siegesfeiern in allen Teilen Russlands, besonders in Moskau, veranstaltet. Der Siegestaumel schlug jetzt in Rachegefühle gegen alles, was deutsch war, um. Um von den Niederlagen der russischen Armee abzulenken, wurde die Volksverbitterung gegen die Deutschen geschürt. Der Polizeichef Adrianow dirigierte selbst den Aufstand, indem er mit einem Heiligenbild und der nationalen Flagge dem Straßenpöbel und den Arbeitslosen voranschritt. Mit dem Heiligenbild drang die  künstlich aufgepeitschte Volksmenge in die Fabriken, Geschäftslokale und Privathäuser der Deutschen ein, demolierte, was ihnen in den Weg kam, und legten Feuer an. Flammen stiegen Tag und Nacht empor, erinnernd an den grausigen Brand Moskaus von 1812.

In wahnwitziger Weise wurden hier Millionenwerte zerstört. Es waren russische Werte, allerdings von Deutschen geschaffen. Es wurden tausende von Arbeitern brotlos, russische Arbeiter, denen durch deutschen Unternehmungsgeist und Organisationsgabe Arbeit und Brot verschafft war. Folgende deutsche Großunternehmen, die in Flammen aufgingen, seien erwähnt: die berühmte Schokoladenfabrik Einem, Baron Knoop, Wogau & Co., Teegesellschaft-Karawane, Tillmanns & Co., Aug. Schröder, Robert König, die Moskauer Zuckerraffinerie, die Papierfabrik Howard und viele andere Großunternehmen. Erwähnt sei nur, dass die genannte Firma Wogau & Co. die Inhaberin von 22 Fabriken, der größten von Russland, war.

Saratow

Die großzügigsten Siedlungsunternehmen Katharina’s II. und Alexander I. hatten natürlich größten Einfluss auf die Hauptstädte der neu besiedelten Gebiete. Saratow an der Wolga glich bei Besiedlung des Wolgagebiets mit Deutschen einem großen verschmutzten Dorf. Es wuchs in den nun folgenden Jahrzehnten immer mehr empor, bis es zu einer der Hauptstädte des ganzen Wolgagebiets wurde. Die Hauptstr. der Stadt hieß Niemezkaja - Deutsche Str. Wie die Deutschen bemüht waren, ein würdiges Gotteshaus als Mittelpunkt ihres Lebens in der Fremde zu besitzen, und wie diese Kirche aus bescheidenen Anfängen zu einem die ganze Umgebung beherrschenden Bau heranwuchs, würdig der fast 20000 Deutschen die hier lebten, so waren diese Deutschen auch bemüht um eine entsprechende Schule für ihre Kinder. Eine deutsche evang. Kirchenschule wurde schon bald nach der Gründung der Saratower Gemeinde, Ende des 18. Jahrhunderts, errichtet, die dann mit dem Wachstum der Gemeinde Schritt hielt. Vergeblich bemühte sich aber die Gemeinde, eine höhere deutsche Schule für die Stadt und ihr weites Hinterland, die Kolonien, zu schaffen. Hier stand ihr die russische Regierung hemmend entgegen. Als es nach langen, eine höhere Schule ins Leben zu rufen, war dieser nur eine kurze Dauer beschieden. Die Schule verfiel der Russifizierung. Privater Initiative aber gelang es, deutsche Fortbildungs- und Hochschulkurse für Lehrer und Lehrerinnen zu errichten, die sich bis in die Bolschewistenzeit hielten. Während der ersten Jahre der Bolschewistenherrschaft wurde an der neugegründeten russ. Universität eine Abteilung für die deutsche Sprache geschaffen, die sich die deutschen Mundartforschung zu besonderer Aufgabe gemacht hatte. Höhere Schulen wurden in Katharinenstadt (Engels-) und Pokrowsk (Marxstadt) gegründet, die aber mit der Vernichtung des Deutschtums während des Weltkrieges auch als deutsche Institution liquidiert wurden.

Die kath. Bevölkerung besaß im Priesterseminar der Tiraspoler Diözese, die sich sowohl über das Wolga- wie auch das Schwarzmeergebiets erstreckte, eine Lehranstalt, die für die kath. Kolonien zu großem Segen wurde. Denn jetzt hatten katholische Kolonistensöhne die Möglichkeit, schon ihre Vorbildung sowie nachher das Studium in ihrer Heimatanstalt zu betreiben. Die sich fast durch ein Jahrhundert hinziehenden Bemühungen der lutherischen Bevölkerung um die Gründung eines Lehrerseminars wurde indes stets von der Behörde abgelehnt. Sie musste sich mit den Zentralschulen begnügen. Das deutsche Bildungswesen sollte hier nicht emporkommen, um den ohnehin starken Einfluss der Deutschen auf ihre Umgebung nicht zu vergrößern.

Die ,,Saratower Deutsche Zeitung” war für Stadt und Land bestimmt, ebenso das hier erscheinende Kirchenblatt ,,Der Morgenstern” und andere religiöse Blätter.

Die soziale Fürsorge für die Armen der Gemeinde lag in den Händen der Kirche und der kirchlichen Organisationen, die sich besonders während des ersten Weltkrieges in der Hilfeleistung an den Tausenden evangelischer Flüchtlinge aus Wolhynien aufs beste bewährte.

Odessa

Ähnlich wie die Wolgadeutschen am Aufschwung Saratows beteiligt waren, trugen die Schwarzmeerdeutschen zum Emporblühen Odessas ihren wesentlichen Anteil bei. Zur zeit der ersten deutschen Einwanderer im Odessagebiet zu Beginn des 19. Jahrhunderts hatte Odessa nicht mehr als 4000 Einwohner. Die meisten Häuser glichen kleinen Erdhütten und das ganze machte den Eindruck eines größeren Dorfes mit zerstreuten Häusern. Im Jahre 1803 wurde hier eine deutsche Handwerkerkolonie gegründet, die zu dem raschen Emporblühen des großen Dorfes zu einer Großstadt von Weltstadtrang sehr viel beigetragen hat. Das vielverzweigte deutsch-evangelische Gemeindewesen, wie es um die letzte Jahrhundertwende entwickelt war, mit seinen kulturellen und sozialen Einrichtungen kann mit Recht als ,,Ruhmesblatt in der Geschichte Odessas sowie des Deutschtums in Russland” bezeichnet werden. In Odessa lebten vor dem Kriege über 12000 Deutsche. Das Herzstück des Deutschtums war die St. Pauli-Gemeinde, deren Besitz ein ganzes Stadtquartal, genannt der ,,Lutherische Hof” umfasste. Auf dem Lutherischen Hof befanden sich folgende repräsentative Gebäude: die Kirche, zwei Pfarrhäuser, die Schulen, das Pfründhaus und Waisenhaus, sowie die Wohnungen für die Schulleiter, die Wohltätigkeitsanstalten sowie Wohnungen für Hauswart, Kirchendiener, Schuldiener und andere Angestellte. Den Lutherhof beherrschend, erhebt sich hier die St. Paulikirche, ein stilvoller Steinbau mit 1200 Sitzplätzen. Außer der Volksschule unterhielt die Gemeinde eine siebenklassige Realschule mit 4 Parallel- und 2 Vorbereitungsklassen. Die Schule wurde durchschnittlich von 500 Schülern besucht, die zuletzt von 28 Lehrkräften unterrichtet wurden. Hier erhob sich ferner eine zweitklassige Elementarschule in vier Abteilungen, mit 4 Lehrkräften und etwa 125 Schülern. Ferner befand sich hier eine zweitklassige Elementarschule, ebenfalls in 4 Abteilungen mit 4 Lehrkräften und etwa 125 Schülern. Ferner gehörte zur Gemeinde eine Mädchen-Kommerzschule, die sich in einem von Schulfreunden der Gemeinde erbauten Privatgebäude befand, mit 15 Lehrkräften und etwa 200 Schülerinnen.

Auch auf dem Gebiet der Wohltätigkeit und sozialen Fürsorge hat die Gemeinde Bedeutendes geleistet. Sie unterhielt zu Odessa: 1. eine Armenkasse für Unterstützung armer und kranker Gemeindeglieder, gegründet 1882, ein Pfründhaus (Altersheim) für alte schwache Männer und Frauen. Das Heim befand sich in einem der Kirche gehörenden Hause und zählte 60 Pfleglinge. 3.Ein Knabenwaisenhaus, 4. ein Mädchenwaisenhaus, beide Waisenhäuser befanden sich in Kirchenhäusern und hatten Platz für 100 Waisenkinder. 5.ein evang. Hospital, das eine Abteilung für innere Krankheiten, ferner eine chirurgische und eine gynäkologische Abteilung und ein Ambulatorium hatte. Hospital war nicht nur in Odessa, sondern weit darüber hinaus rühmlichste bekannt, nicht nur unter der deutschen, sondern auch unter der nichtdeutschen Bevölkerung.

Von diesem kulturellem und sozialen Fürsorgezentrum gingen weitgehende, segenreiche Wirkungen auf die Deutschen wie auch auf ganz Odessa und Umgebung aus.

In der ,,Odessaer Deutschen Zeitung” hatte die deutsche Gesellschaft ein Organ geschaffen, das für die kulturellen und wirtschaftlichen Belange des Deutschtums in Odessa wie in den Kolonien von tiefgehender Wirkung war.

Tiflis

Im südlichen Grenzland des russischen Reiches, in Transkaukasien, erhebt sich zu beiden Seiten des Gebirgsflusses Kura die alte georgische Hauptstadt Tiflis mit ihrer buntgemischten Bevölkerung und ihren europäischen und asiatischen Stadtteilen. Hier gab es schon lange bevor die Schwaben zu Beginn des 19. Jahrhunderts ihre Kolonien gründeten, eine kleine deutsche Gemeinde, die auf der rechten Seite der Kura im Stadtzentrum ihr kleines Gotteshaus und ihre Schule hatte. Die Gemeinde bestand im wesentlichen aus Deutschbalten und Reichsdeutschen, die als Beamte oder Handwerker hierher verschlagen waren. Mit der Gründung der Schwabenkolonie Neu-Tiflis sowie der ganze Westgruppe der Schwabenkolonien erhielt das Deutschtum in Tiflis neues Wachstum und neue Aufgaben. Die Kolonisten organisierten sich hier zunächst kirchlich selbständig und unabhängig von der alten Gemeinde. Die sieben Kolonistengemeinden wurden zu Kirchspielen erhoben, die unter Leitung des Oberpastors in Neu-Tiflis standen. Sie legten Wert darauf, selbständig und unabhängig von der alten Gemeinde zu sein, ebenso lehnten sie den Anschluss an das evang-lutherische Konsistorium in Moskau ab. 1828 legten sie den Grundstein zum Bau einer Kirche in der Kolonie Neu-Tiflis. So bestanden zwei Gemeinden nebeneinander, die Stadtgemeinde und die Kolonistengemeinde. Bis zum Jahre 1850 benutzte die Stadtgemeinde die Neu-Tifliser St. Petri-Pauli- Kirche auch zu ihren Gottesdiensten. Sie bekam dafür eine Kronsubsidie von 2000 Rubeln. Mit der Ausdehnung der Kolonie Neu-Tiflis und ihrer Vereinigung mit der Stadt (1861) trat die Spannung zwischen Stadt- und Kolonistengemeinde immer mehr zurück. Die Württemberger hatten inzwischen auch ihre separatistischen Neigungen verloren. Eine neue Generation war herangewachsen und sowohl Alteingesessene wie Kolonisten strebten zur Einigung. Im Jahre 1884 beantragte die neue Koloniegemeinde ihre Entlassung aus dem Synodalverband der Transkaukasischen Synode und unterstellt sich dem Moskauer ev.-lutherischen Konsistorium. Die Einheit der beiden Gemeinden unter einem Pastor war jetzt hergestellt. 1893 wurde mit dem Bau einer neuen Kirche begonnen, die 1897 vom Moskauer Generalsuperintendenten eingeweiht wurde.

Das Gemeindeleben konnte sich jetzt in erfreulicher Weise entwickeln. Die soziale Fürsorge lag restlos in den Händen des evang. Frauenvereins, der hier an vielen Heimatlosen ein reiches Betätigungsfeld fand. In einem gut geleiteten Altersheim fanden alte einsame Frauen eine ruhigen und sorglosen Lebensabend. Auch Waisen fanden hier willige Aufnahme. Für deutsche Gouvernanten und andere stellungsuchende Frauen standen Zimmer bereit.

Das gesellige Leben war rege. Ein deutscher Verein, der schon in den 60er-Jahren des vorigen Jahrhunderts entstanden war, sorgte für Unterhaltung durch Vorträge und Liebhabertheater-Vorstellungen, die ein beträchtliches Niveau erreichten.

Selbstverständlich hatte die Gemeinde auch eine gemeinsame deutsche Kirchenschule, die entsprechend dem Anwachsen der Gemeinde erweitert wurde. Schon in den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts bemühten sich führende Männer der Gemeinde um die Eröffnung eines deutschen Gymnasiums nach dem Vorbild der höheren Schulen in den Hauptstädten des Reiches. Mehrere Jahre hindurch wurden zu diesem Zweck, zunächst für den Baufonds, Sammlungen veranstaltet. Leider kam die zum Bau nötige Summe nicht zusammen. In den 80er Jahren scheiterte jedoch der Plan an der antideutschen Einstellung der russischen Regierung. Die Tifliser Volksschulen wurde 1913 zu einer achtklassigen höheren Bürgerschule ausgebaut, in der jetzt 300 Kinder von 14 Lehrern unterrichtet wurden. Erst im Jahre 1918, nach der Unabhängigkeitserklärung der transkaukasischen Republiken, die durch den Brest-Litowsker Frieden garantiert war und nach dem Einzug der deutschen Truppen konnte das von der Gemeinde lang ersehnte Ziel erreicht werden: Auf der Grundlage der achtklassigen höheren Bürgerschule wurde die Realschule aufgebaut und zu einer Oberrealschule entwickelt. Der Andrang zu dieser deutschen Schule war von Seiten der Einheimischen, der Georgien sowie der Armenier, so groß, dass viele abgewiesen werden mussten. Es konnte einstrenges Sichtungsprinzip durchgeführt werden. Mit Kindergarten, Vorschule und höherer Schule standen jetzt 750 Kinder unter deutschem Einfluss. Das Band mit der Kultur der alten deutschen Heimat und den Nachkommen der vor 100 Jahren Ausgewanderten sowie den Einheimischen war geknüpft. Die Abiturienten der deutschen Schulen hatten die Möglichkeit, auf deutschen Universitäten zu studieren. Der deutsche Einfluss wuchs zusehends in Transkaukasien. An georgischen Volksschulen, auch auf dem Lande, wurde neben georgisch, deutsch als Pflichtfach eingeführt. Am deutschen Realgymnasium mussten jährlich drei bis fünf Sprachgruppen durchgeführt werden, an denen georgische Schüler und Schülerinnen der georgischen Gymnasien, auch Studenten, Schriftsteller und Lehrer teilnahmen. Deutsche junge Damen, die ihre allgemeine Bildung auf russischen Gymnasien erhalten hatten, setzten sich noch einmal auf die Schulbank und studierten deutsche Literatur und Kulturgeschichte. An der georgischen Staatsuniversität mit ihrer polytechnischen Abteilung war der deutschen Wissenschaft und Technik ein besonderer Ehrenplatz eingeräumt. Es waren für alle, die an diesem Frühling deutschen Lebens in Tiflis teilnehmen konnten, eine unvergesslichschöne Zeit. Die Aufwärtsentwicklung dauerte bis 1922. Schon lange war von den Bolschewisten diese Entwicklung mit Neid und Ingrimm beobachtet worden. Da beginnt die deutsche Sektion der Kommunistischen Partei, die aus ehemaligen Reichsdeutschen und einigen Ungarn bestand, ihr Wühl-, Hetz- und Intrigenspiel gegen die deutsche kulturelle Arbeit. Mit zäher Energie setzten die Deutschen aber ihre Arbeit fort bis das deutsche Realgymnasium im Herbst 1924 in eine kommunistische Schule und das heißt in eine propagandistische Anstalt umgewandelt wird Von Tiflis aber werden während dieser kurzen Blütezeit Anregungen auf allen Gebieten des kulturellen Lebens hinausgetragen in die Schwabenkolonien. Das Bindeglied zwischen den in den Bergen zerstreuten liegenden Siedlungen und Tiflis war die ,,Kaukasische Post”, eine Wochenzeitschrift, die schon jahrzehntelang das Sprachohr führender Männer in Tiflis, unter Beteiligung der Kolonistenführer, für das kulturelle und wirtschaftliche Leben der Deutschen gewesen war. Erst jetzt war sie wieder neu aufgeblüht und von allen begehrt. Denn sie war das einzige, was die Kolonien noch miteinander verwand, während die kommunistische Gefahr und Zersetzung immer größer und die Trennung von der übrigen Welt, auch vom übrigen Russlanddeutschtum, immer unheimlicher und bedrohlicher wurde. Schließlich musste auch dies Blatt verstummen. Nun war es ganz still um die Kaukasusdeutschen   geworden. Sie lebten abgeschlossen wie auf einer Insel, bis, ja bis die Katastrophe der Verschleppung auch über sie, wie über alle Russlanddeutschen hereinbrach.

Baku

Wie Baku selbst erst in der Zeit der Technik und des Erdölhungers aus einem kleinen Städtchen am Kaspischen Meer zu einer der größten Städte Russlands emporwuchs -- es zählt gegen 1 Million Einwohner --, so ist auch die deutsche Gemeinde erst in der Zeit der Erdölgewinnung hauptsächlich unter dem Schweden Nobel entstanden. Sie wuchs nun aber so rasch, dass sie bei Ausbruch des 1 Weltkrieges bereits über 5000 Seelen zählten. Die ersten Deutschen und Schweden kamen in den sechziger Jahren des 19. Jahrhunderts hier an. Ihre Zahl wuchs aber mit dem Wachstum der Erdölindustrie durch den schwedischen Großindustriellen Nobel rasch an. Es kamen Deutsche aus dem Reich, aus dem Baltikum, den deutschen Wolgakolonien, dem Schwarzmeergebiet. Die neuen Arbeits- und Verdienstmöglichkeiten nahmen die Leute zunächst so sehr in Anspruch, dass es die ersten Jahre noch nicht zu einem Zusammenschluss kam, erst 1874 wurde in Baku mit Genehmigung des ev.-luth. Generalkonistoriums in Petersburg der  erste Kirchenrat gebildet, Kirchenschulen und Berhhaus entstanden erst 1881. In den 90er Jahren wuchs die deutsche Gemeinde durch starken Zuzug der Wolgadeutschen. Jetzt wurde der Bau einer großen evangelischdeutsch- schwedischen Gemeinde in Angriff genommen. 1899 konnte die neue Kirche eingeweiht werden. Es war ein stattliches, im spätgotischen Stil mit einem 40 m hohem Turm erbautes Gotteshaus, das sich hier auf einem von der Stadt geschenkten, an einer Hauptstraße (damals Telefonnaja genannt) gelegenen großen Platz erhob. An der Straßenfront erhob sich das Pfarrhaus und ein Mietshaus, hinter der Kirche die Schule, in der 4 deutsche Lehrer beschäftigt waren. Ein weiteres Gebäude war für anreisende Frauen und Mädchen bestimmt. Ein Altersheim und ein Kindergarten befanden sich auf einem zweiten Grundstück der Gemeinde.

 

Es gab wohl auch hier gesellige Vereine, der Mittelpunkt des deutschen Lebens war jedoch die deutsche Kirche. Der Pfarrer fand bei allen Anregungen, die er gab, bei Deutschen wie auch bei Schweden, immer freudige Unterstützung.

Übersicht

In allen größeren Städten Russlands waren die evang. Gemeinden auch zugleich Schulgemeinden, die mit ihren Kirchenbeiträgen auch die Kirchenschulen unterhielten.

Wir bringen unten eine Übersicht über die Zahl der Deutschen in einer Reihe von Städten nach der Volkszählung 1923. Wir haben diesen Zahlen die ungefähre Zahl der Deutschen von der Jahrhundertwende gegenübergestellt.*)

In der Tabelle sind die Städte aufgeführt, in denen 1923 noch mehr als 200 Deutsche lebten. Mit weniger als 200 Deutschen gab es noch zahlreiche Städte, von Taschkent bis Wladiwostok, von Wladiwostok bis Wilna.

Im Jahre:                                 1923                                1900

Petersburg (Leningrad)           75000                              12587

Pskow (Pleskau)                      3000                                388

Witebsk                                    3000                               534

Polozk                                      2000                                233

Shitomir                                    5000                               858

Smolensk                                  2000                               575

Minsk                                        2000                               502

Kiew                                         3000                               2627

Poltawa                                                                            337

Odessa                                      10000                             3965

Nikolajew                                 1500                               851

Sinowjewsk                              1500                               241

Jekaterinoslaw                          2500                               918

Charkow                                    5000                              1983

Berdjansk                                  1500                               447

Simferopol                                 2000                              1491

Sewastopol                                1500                               296

Feodosia                                    500                                 260

Nowgorod                                  500                                333

Moskau                                      12000                            8037

Jaroslaw                                    500                                 204

Nisshni-Nowgorod                    2000                              354

Kasan                                         2000                              389

Tula                                           1000                              148

Orel                                            1000                              324

Kursk                                         1500                              317

Woronesch                                 2500                              260

Tambow                                     2000                              159

Pensa                                         1000                                209

Samara                                       3000                               1039

Saratow                                      15000                             8482

Kamyschin                                 2500                               1527

Stalingrad (Zarizyn)                   500                                 1621

Sarepta                                       2000

Astrachan                                   3000                               1507

Taganrog                                    1500                               435

Rostow                                        5000                              1506

Krasnodar                                    2500                              898

Stawropol                                    1000                              362

Pjätigorsk                                     3000                             618

Wladikawkas                               2000                              518

Tiflis                                            3500                              2457

Baku                                            5000                              4370

Die obige Darstellung lässt uns etwas ahnen von der großen Bedeutung, die den Deutschen bei der Europäisierung Russlands zukam. Millionen Deutsche stellten im Laufe der Generationen ihre Erfahrungen, ihr Wissen, ihren Fleiß, ihren Ordnungssinn in den Dienst.

Das Buch über die Bedeutung der deutschen erzieherischen Leistungen auf den verschiedensten Gebieten des kulturellen Lebens von den Anfängern der Staatswerdung des russischen Volkes an bis zur Gegenwart muss noch geschrieben werden. Ob es die Staatsführung, die Gesetzgebung, das Heereswesen, die Wissenschaft, die Wirtschaft und Industrie, die Technik, das Handwerk, die Landwirtschaft ist, überall ließe sich in einem solchen Buche der große Einfluss ja oft die grundlegende Bedeutung der Deutschen auf russischem Boden unwiderleglich feststellen. Das russische Volk hat das auch weithin geführt und anerkannt. Der Deutsche war in Russland überall geachtet. Trotz seiner anderen Art, wie etwa sein Ordnungssinn, der in der russischen Literatur oft als Pedanterie ironisiert wird, trotz seines anderen religiösen Glaubens, war das friedliche Zusammenleben bei Arbeit und Feier immer eine Selbstverständlichkeit. Erst als die Kriegshetze begann und schließlich der Krieg 1914 ausbrach, änderte sich das mit einem Schlag. Die Presse musste allerdings schon sehr dick auftragen -- und sie ließ es daran nicht fehlen -- um aus dem ,,vorbildlichen”, ,,ehrlichen”,  ,,zuverlässigen” Freund, den vertierten Feind zu machen. Der Hass musste künstlich erzeugt werden, damit die Behörden jetzt zunächst die Reichsdeutschen zu Zehntausenden nach Sibirien verschleppen konnten, um dann auch die Front gegen den ,,Inneren Deutschen” zu wenden.

Aber erst dem Bolschewismus sollte es gelingen, ,,reinen Tisch” zu machen. Alle Deutschen, ob in der Stadt oder auf dem Lande, nach Sibirien wandern zu lassen, sie einst im Segen für Russland gearbeitet hatten, zu liquidiere

*) Anm.: Die Zahlen erheben keinen Anspruch auf absolute Zuverlässigkeit, sie geben aber ein ungefähren Bild von der Stärke des städtischen Deutschtums und von seinem raschen nach dem ersten Weltkrieg. Für statistisches Material aus unserem Lesekreis, das unsere obigen Angaben ergänzen oder berichtigen können, wären wir aufrichtig dankbar.