Über das deutsche Volkslied

 

------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------

Das Volkslied lebt zu allen Zeiten und in allen Landen, so lange Musik erklingt und Menschen singen. In ihm spiegelt sich der Charakter von Völkern und Volksschichten, der Wechsel von Jahres- und Tageszeiten, der Wandel des Lebens von der Jugend bis ins Alter.
Im Volkslied sind Wort und Weise eng miteinander verbunden. Bei der Weitergabe von Mund zu Mund werden bisweilen Text und Melodie verändert. Manche Lieder erscheinen in den verschiedensten Fassungen, ein Beweis dafür, wie sehr sie dem Volke eigen sind.
Viele deutsche Volkslieder wurden im Laufe der Jahrhunderte aufgezeichnet. Wie die Kultur allgemein, so wandelte sich  auch der dichterische und musikalische Ausdruck. Es gibt wesentliche Unterschiede zwischen dem älteren und jüngeren Volsklied, wie auch zwischen der älteren und jüngeren Malerei.

Aus der Zeit um 1450 stammt die wertvolle Liederhandschrift ‚Das Lochamer Gesangbuch’. In ihm sind so herrliche Weisen zu finden wie ‚All mein Gedanken’ und ‚Ich fahr dahin’. Besonders viele Lieder sind aus dem 16. Jahrhundert überliefert. Es ist die Blütezeit des alten deutschen Volksliedes, die Zeit, in der Hans Sachs lebte (‚Der Maie, der bringt uns Blümlein viel’). Zu den schönsten Liedern gehören ferner ‚Es sungen drei Engel’, ‚Innsbruck, ich muß dich lassen’, ‚Ach Elslein, liebes Elselein’, und ‚Die beste Zeit im Jahr ist mein’.
Der Dreißigjährige Krieg hat viel vernichtet, und die Überlieferungen werden in der Folgezeit spärlicher. Der Liedermund des Volkes ist aber nie verstummt. So konnte der Dichter Johann Gottfried Herder in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts viele Volkslieder aufzeichnen und der Nachwelt erhalten. Auch andere Dichter, wie Goethe, Uhland und Hoffmann von Fallersleben, haben auf die Schönheit des Volksliedes hingewiesen.
Einige ihrer eigenen Gedichte wurden in Verbindung mit Melodien so bekannt und beliebt, daß sie wie Volkslieder weiterleben, z.B. ‚Sah ein Knab ein Röslein stehn’, Es gingen drei Jäger wohl auf die Pirsch’, und ‚Alle Vögel sind schon da’.

Eine Wiederbelebung namentlich des älteren Volksliedes und des Volkstanzes erfolgte durch die Jugendbewegung zu Anfang des 20. Jahrhunderts. Die Jugend zog, die Laute umgehängt, hinaus in die freie Natur und sang und spielte Weisen, die allgemein längst vergessen waren. Man sammelte sie in einem Liederbuch, dem ‚Zupfgeigenhansel’. Volkstänze, wie unsere Großeltern und Urgroßeltern sie tanzten, kamen auf grünem Anger wieder zu Ehren. Viele Komponisten der Gegenwart, z.B. Paul Hindemith, Paul Höffer, Armin Knab, haben der Jugend mit Liedsätzen und Spielmusik nach Volksliedern reiches Musiziergut geschenkt.

          Aus dem Liederbuch ‚Singt und spielt’ Velhagen & Klasing, 1966, ohne Autorenangabe

--------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------------

Volkslied und Jugend

Die wandernde Jugend hatte als erste einen Trunk aus dem Brunnen des Volksliedes getan und war von einem himmlischen Zauber gebannt worden. In jener Zeit des Erwachens ließ sie sich die Pflege dieses Gutes auch angelegen sein; so ist der Zupfgeigenhansel entstanden, der schon unzähligen Zeitgenossen ein lieber Gefährte geworden ist.

Doch eines hat gefehlt: Die Jugendbewegung ist nicht zur Volksbewegung geworden., ist es wenigstens bis jetzt nicht geworden. Die Volksliedpflege mußte in dem Augenblick versanden, wo man vergaß, bewußt ins Volk hinauszutragen, was aus dem Volk gekommen ist. Es genügt nicht, dem Bauern gelegentlich als Dank für Unterkunft ein Liedchen zu singen. Das Singen als solches muß ins Volk getragen werden, muß allgemeines Gut werden. Dazu sollen auch diese Blätter beitragen.

Sie sollen der Jugend zu den bisherigen noch weitere alte Lieder bringen; doch das ist nicht die Hauptsache. Sie sollen vielmehr die Jugend ermahnen, sich nicht leichtfertig vom Volkslied abzuwenden, als wäre dieses schon überholt und als seien die Neutöner alleinseligmachend. Wer so denkt, hat das Wesen des Volksliedes gar nicht erfaßt; man kann sein Leben lang nicht ‚damit fertig’ werden weil es ein Stück Seele ist, ewig neu blühend. Es ist so, als ob jemand keine Blume mehr ansehen wollte, weil er sie schon alle kennt.
Die Pflege des Volksliedes hindert uns nicht, auch die höchsten Stufen musikalischen Könnens zu erklimmen; alles zu seiner Zeit und an seinem Ort. Die Jugend hat sich vielfach nicht aus dem Volkslied verjüngt und neu entfaltet, sondern dieses als Mode mitgemacht und dann abgelegt; sonst hätte sie heute nicht an so einem Kitsch, wie ihn die meisten Neutöner verzapfen, ihr Wohlgefallen. Darum nochmals zurück zum Einfachen, Edlen und  - höret diesmal besser...

Walther Hensel aus ‚Finkensteiner Liederbuch 1’, Neuauflage 1962, Bärenreiter Verlag zu Kassel

----------------------------------------------------------------------------------------------------------------

Wort und Ton des Volksliedes singen und sagen von guter, echter deutscher Art, von Freiheit und Kraft, von Wahrheit und Recht, von Liebe und Treue. Das alles scheint verloren. Allein es hieße dies alles auch verloren geben, wollte man nicht die Erinnerung daran als Hoffnung und Ansporn halten und pflegen.

Der Verfasser in 'Zur Pflege des Volksliedes und Volksgesanges.' 1920

 ---------------------------------------------------------------------------------------------------------------

Mag nur ein Geselle, Landsknecht, oder Reiter, ein Gelehrter, ein Vornehmer oder aber einer der berufsmäßigen 'Singer' der Dichter eines Volksliedes sein, es ist und bleibt einer aus der großen Menge. Und selbst wo uns fest umrissene Charaktere, bekannte Namen entgegentreten: Luther, Hutten, Hans Sachs u.a, da verleugnen ihre Volkslieder die allgemeinen Familienzüge nicht. Eben weil hier diese Dichter aus dem Volksempfinden heraus zu dichten vermochten, weil sie sich mit dem ganzen Volke eins und sich als lebendiges Glied des Ganzen fühlten: deshalb wurden ihre Lieder Volkslieder.

Prof. Dr. Julius Sahr in 'Das deutsche Volkslied', Leipzig, Göschen, 1912

---------------------------------------------------------------------------------------------------------------

In seinen Lieder hat der Deutsche gelacht und geweint, geträumt und geklagt, gekämpft und gerungen, gezürnt und gebetet; sie sind deshalb ein Stück deutschen Geistes- und Gemütslebens.

Franz M. Böhme in 'Deutscher Liederhort', Leizpig, 1893

 --------------------------------------------------------------------------------------------------------------

Viele Volksweisen sind wahre Perlen der Tonkunst. Soll doch Beethoven einmal erklärt haben, er gebe seinen ganzen Komponistenruhm um die Erfindung der Volksweise 'Innsbruck, ich muß dich lassen' (Nun ruhen alle Wälder)! Und wahrlich, auch unsere heutigen Tonmeister könnten manchmal mit Nutzen bei dem Volksliede in die Lehre gehn.

Dr. J.W. Bruinier in 'Das deutsche Volkslied'. Leipzig, B.G. Teubner, 1914

 -------------------------------------------------------------------------------------------------------

Wenn das Volk sein Volkslied erst wieder kennen und schätzen lernt, dann ist nur noch ein kleiner Schritt dazu, daß es dies Lied auch wieder gemeinsam und frei singen lernt, und wo dies sich wieder einbürgert, da hat der Volksgesang seine Auferstehung gefeiert.

Der Verfasser in 'Zur Pflege des Volksliedes und Volksgesanges.' 1920

------------------------------------------------------------------------------------------------ 

Wie zu einem erfrischenden Waldquell kehrt der Deutsche immer wieder gern zum Volkslied zurück und erfreut sich trotz der fortgeschrittenen Weltanschauung an solcher Naturquelle, wenn er das hastige, herzlose Alltagstreiben und die Überkunst einmal gründlich satt hat.

Franz Magnus Böhme in 'Deutscher Liederhort'

 ------------------------------------------------------------------------------------------------

Ernst Duis, aus dem Vorwort zu seinem Liederbuch ‚Volkslieder’

Im Mittelpunkt dieser Sammlung steht das ‚Volkslied wie wir es heute verstehen, das seine fruchtbarste und eigentliche schöpferische Zeit im 15. und 16. Jahrhundert hatte.
Die Inhalte dieser Lieder sind nicht gebunden an kirchliche oder höfische Lebensformen, sondern sie sprechen ganz unmittelbar von Liebe und Leid, von Glaube und Not, von der Arbeit und von der Erde auf der wir wohnen. Sie sind daher jedem verständlich und erdichten doch in dieser Einfachheit den tragenden Grund unseres Lebens.
Das Volkslied hat die Jahrhunderte überdauert und trägt die ganze Kraft eines großen Ursprungs in sich. Es vermag durch diese Kraft und Innigkeit weiter zu wirken und gibt demjenigen, der es aufnimmt und begreift, Maß und Urteil über das letztlich Echte einer künstlerischen Aussage. Indem wir ein solches Lied singen, verwandelt es unser Herz, und die Welt wird groß und schön.

Ernst Duis (1896-1967)

----------------------------------------------------------------------------------------------------

Das deutsche Volkslied, der treueste Spiegel deutschen Seelenlebens, deutscher Bildung und Gesittung, war vor der Zeit der Kunstpoesie die alleinige Poesie und das schönste Gemeingut der Deutschen, war in den Zeiten der Not und Zerrissenheit die reichste Quelle des Trostes und der Hoffnung, und in den Tagen einmütiger Erhebung Deutschlands bewies es seine ermutigende und begeisternde Allgewalt. Es war und ist und bleibt unser schönster Nationalschatz, unser Hort – das deutsche Lied.

Franz Magnus Böhme (1827-1898)

-----------------------------------------------------------------------------------------------------------------

Musika ist eine halbe Diziplin und Zuchtmeisterin, so die Leute gelinder und sanfmütiger, sittsamer und vernünftiger machet. Die Musika ist eine schöne herrliche Gabe Gottes und nahe der Theologie....

Martin Luther aus seinen Tischreden

----------------------------------------------------------------------------------------------------

Volkslieder sind wahrlich das, worauf der wahre Künstler, der die Irrwege seiner Kust zu ahnen anfängt, wie der Seemann auf den Polarstern, achtet.

Johann Friedrich Reichardt (1752-1814)

------------------------------------------------------------------------------------------

Volkslieder

Sie singen von Lenz und Liebe, von sel’ger, goldner Zeit,
Von Freiheit, Männerwürde, von Treu und Heiligkeit;
Sie singen von allem Süßen, was Menschheitsbrust durchbebt,
Sie singen von allem Hohen, was Menschenherz erhebt.

Ludwig Uhland

-------------------------------------------------------------------------

Es ist wohl das erstemal, daß ich dem, was von mir ausgeht, mit Zärtlichkeit nachsehe. Es ist eine Sammlung deutscher Volkslieder mit Klavier.

Johannes Brahms (1833-1897)

------------------------------------------------------------------------

Mehr über das deutsche Volkslied unter:  http://www.deutscheslied.com/de/folksong.htm